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29.05.2007
 

Historiker Gerd Koenen

"Chávez nimmt Kuba Huckepack"

2. Teil: Lesen Sie in Teil II woher die popartige Begeisterung für Che Guevara bis heute kommt - und warum George W. Bush die Linke dümmer gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Neben Fidel Castro gibt es ja noch einen zweiten Zentralmythos in Lateinamerika, Ché Guevara. Sie schreiben gerade über sein Projekt einer "trikontinentalen" Weltrevolution. Woher kommt denn, trotz aller politischen Desillusionierung, die fast popartige Begeisterung für Ché bis heute?

Koenen: Dass von allen sozialistischen Personenkulten der Kult um Ché übrig geblieben ist, hängt schon auch mit der durchaus literaturwürdigen Karriere dieser Figur zusammen. Jung und schön gestorben, konnte er sich auch nicht mehr wie so viele andere Rebellen an der Macht nachhaltig kompromittieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber er hat etliche Menschen auf dem Gewissen, den Klassenkampf mit nuklearen Waffen empfohlen und und ist politisch total gescheitert.

Koenen: Seine weltrevolutionären Aktivitäten trugen durchaus kamikazehafte Züge. Aber gerade dieses romantisch Entrückte verlieh ihm jene Faszination, die er ja keineswegs nur auf die westliche Popkultur ausgeübt hat. Er ist schon auch in den Götterhimmel Lateinamerikas aufgestiegen, als Teil einer tief verwurzelten Kultur der Selbstmythologisierung. Er ist wirklich fast eine Heiligenfigur mit machistischem Appeal geworden, die einen ganzen Satz von scheinbar erhabenen Sekundärtugenden verkörpert, wie völlig Selbstlosigkeit, Selbstüberwindung und Opferbereitschaft – eine Figur, die man sich wie Christus oder einen Heiligen an die Wand hängt, ohne dass das für das alltägliche Verhalten etwas bedeuten muss.

SPIEGEL ONLINE: Herr Koenen, warum spielen eigentlich zentrale Begriffe der Aufklärung wie Freiheit und Demokratie eine so geringe Rolle im Diskurs über die "Dritte Welt", auch in der aktuellen Debatte um den bevorstehenden G8-Gipfel? Warum hört man, wenn es um Afrika geht, nichts über Zimbabwes Diktator Robert Mugabe oder über den Völkermord in Darfur?

Koenen: Ich sehe es nicht ganz so. Man hört schon eine ganze Menge. Aber eine der fatalen linken und liberalen Reaktionsweisen bestand und besteht zuweilen darin, unangenehme Entwicklungen aus dem Blickfeld zu nehmen, sobald sie nicht mehr ins Bild passen. Für unsere Generation war Vietnam und Indochina so sehr ein Objekt von Empathie und Protest, solange es um den Krieg der USA ging. Nachdem die idealisierten "Vietcong" und ihre Verbündeten dann gesiegt hatten, und man dann plötzlich von Arbeitslagern und Erschießungen in Vietnam, und gar Massenmorden in Kambodscha unter Pol Pot gehört hatte, haben einige, zu denen ich leider auch gehört habe, noch eine Zeitlang versucht, das irgendwie zu rechtfertigen. Aber das Gros der eben noch so lautstarken Linken hat schlicht und beredt geschwiegen. Allerdings möchte ich vermuten, dass eine Achse von Chavez über Ahmadenischad und Lukaschenko bis zu Kim dem Jüngeren einfach zu obskur, um die europäische Linke dafür zu begeistern.

SPIEGEL ONLINE: Hier und da kokettieren Globalisierungskritiker aber durchaus mit Chavez’ Revolutionsrhetorik.

Koenen: Ja, das ist dann halt die Logik des Gegenpols des eigenen Hauptfeindes, dessen Feind dann wieder mein Freund wird. Im schlimmsten Fall kann das zu einem linken Negationismus führen, wie man in Frankreich jene Auschwitzleugner genannt hat, die ja auch teilweise aus der radikalen Linken kamen. Und ich weiß, wovon ich spreche, siehe oben.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal könnte man ja wirklich glauben, dass George W. Bush und seine fatale Politik auch die globale Linke dümmer gemacht haben. Ob mit Hillary Clinton oder Barack Obama im Präsidentenamt auch die Linke wieder klüger würde und weniger manichäisch, also schwarzweiß denken würde?

Koenen: Bush macht leider eine mehr als dumme, ein fatale Politik. Und damit macht er leider auch die dümmer, die sich dieser Politik als Fundamentalopposition entgegenstellen. Das gehört dann auch zu den Fatalitäten dieser Ära Bush, der mit seinem irrwitzigen "Krieg gegen den Terror" allen seinen Feinden, und gerade dem radikalen Islamismus, ein riesiges Feld bereitet, nicht nur im Irak. Das ist das Traumszenario des Emirs bin Laden. Ich sehe darin ein Verhängnis von weltgeschichtlichem Ausmaß.

SPIEGEL ONLINE: Gehört es auch zu den Kollateralschäden, dass die Begriffe Freiheit und Demokratie als "freedom & democracy" verhöhnt werden, Stichwort Abu Ghraib und Guantanamo?

Koenen: Sicher. Wenn Demokratie nur als westlicher Exportartikel in der blauen Luft schwebt und von oben oder von außen "implantiert" werden soll, dann ist das eine fatale Vorstellung. Das wäre auch in Venezuela übrigens völlig kontraproduktiv. Das Regime Castros lebt seit Jahrzehnten von der Embargopolitik der USA. In Havanna kann man das mit Händen greifen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wäre denn irgendeine Art von demokratisch inspirierter "Zivilgesellschaft" in der Lage, sich dem Chavez-Regime in den Weg zu stellen?

Koenen: Ich sehe eine solche Bewegung durchaus. In Lateinamerika gibt es ja eine ganze Reihe recht ziviler linker Regierungen, die ihren eigenen Weg versuchen. Die frühere "Dritte Welt" ist ja sowieso in einer Phase beschleunigter Entwicklungen begriffen, die wir in ihrer Tragweite und Bedeutung noch überhaupt nicht realisiert haben. In diesem Sinne bin ich ein Post-Marxist, der nach wie vor an so etwas wie geschichtliche Entwicklungslogiken glaubt. Und dazu gehört auch die unaufhaltsame Pluralisierung und Säkularisierung sich entwickelnder und sozialkulturell differenzierender Gesellschaften. Demokratie ist sowieso kein westliches Luxusgut, sondern ein Grundrecht für alle, die relativ vernünftigste Form des Ausgleichs gegensätzlicher Interessen und Anschauungen, nicht mehr und nicht weniger. Aber für dieses Drama unserer Zeit sind die entscheidenden Spielorte erst einmal andere: China, Indien, Russland, Iran zum Beispiel. Aber für Lateinamerika ganz sicher auch Venezuela – und Kuba.

Das Interview führte Reinhard Mohr

  • 1. Teil: "Chávez nimmt Kuba Huckepack"
  • 2. Teil: Lesen Sie in Teil II woher die popartige Begeisterung für Che Guevara bis heute kommt - und warum George W. Bush die Linke dümmer gemacht hat.

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insgesamt 9 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
02.06.2007 von ingo_horst: Merkwürdig

Es es schon komisch. Es vergeht kaum ein Sonntag wo Chavez in seinem Fernseh Marathon "Halo Presidente" Fidel und Kuba in den Himmel lobt. Aber Herr Koenen bildet sich das alles nur ein??? Herr Chavez ist Bush [...] mehr...

31.05.2007 von Stefan Seum: Über die Dummheit sich mit westlicher Demokratie zufrieden zu geben

Herr Koenen setzt mit dem Interview "Chavez nimmt Kuba huckepack" eine Reihe von verfälschten Vergleichen fort und unterminiert die Chance, dass auch westlichen Demokratien sich über sinnvolle, pluralistische Reformen [...] mehr...

30.05.2007 von käss: "Chávez nimmt Kuba Huckepack"

Sehr geehrte Leser Chavez ist mit überzeugender Mehrheit demokratisch gewählt und eine Glücksfall für Venezuela, Südamerika und die Welt. Der Helmstedter Chirurg Christoph Krämer war als Wahlbeobachter dabei und war [...] mehr...

30.05.2007 von ingo_horst: Mit Vorsicht zu geniessen!

Ich war zu dem Zeitpunkt der in diesem Film "Dokumentiert" wird in Venezuela. Schade dass viele Menschen auf diese (wie ich vermute von der Venezolanischen Regierung mitfinanzierten) Propaganda reingefallen sind. [...] mehr...

30.05.2007 von algore: doku

Sehr interessante Doku zu dem Thema: "The Revolution will not be televized" Einfach mal bei Google gucken.Bringt das Ganze mal in nen ordentlichen Kontext. mehr...

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