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13.06.2007
 

Türkei

Putsch paradox

In der Türkei konkurrieren Militär und Regierung um die Macht. Doch das Land ist gleich mehrfach gespalten - und von einem Putsch bedroht. Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan beschreibt die Paradoxien seines Landes und malt ein Schreckenszenario: die neue Achse Ankara-Teheran-Moskau.

Istanbul - Die Türkei steht davor, eine große Rechnung endlich zu begleichen. Es geht diesmal nicht um die befürchteten Spaltungen der Ethnien und Religionen. Das Land wird durch eine viel fundamentalere und gefährlichere Entwicklung entzweit: Die kulturelle Teilung - in den Jahren der Republik stets dominant - ist noch schärfer geworden.

Es gibt jetzt auf dereinen Seite eine große Masse an Leuten, die ihre Schuhe vor der Tür stehen lassen, bevor sie ins Haus eintreten, deren Frauen Kopftuch tragen, deren Männer in Pyjamas auf die Straße gehen können, deren Söhne in die Kaffeehäuser gehen, während die Mädchen unter total repressiven Regeln leben. Es handelt sich um Menschen, deren Häuser mit billigen fluoreszierenden Glühbirnen erleuchtet werden, die Folklore oder arabische Musik hören, die womöglich noch nie ein Buch gelesen, nie getanzt, nie als Ehepaar ein Restaurant besucht haben, nie ins Theater gegangen sind, kaum gebildet und streng gläubig sind.

Auf der anderen Seite gibt es jene, die die High-School im Robert College in Istanbul besucht haben, die auf College-Partys und Hochzeiten getanzt haben, die ins Kino gehen, Bücher lesen - wenn auch vielleicht nicht viele - die einigermaßen gebildet sind, auch wenn ihr intellektuelles Level nicht sehr hoch ist. Deren Musikgeschmack von Pop bis Klassik reicht, deren Häuser relativ geschmackvoll eingerichtet sind, deren Frauen kein Kopftuch tragen, die ihren Töchtern zwar nicht erlauben, sich mit Jungs zu treffen, aber weggucken, wenn sie es trotzdem tun. Die an Gott glauben, aber Predigern wenig Aufmerksamkeit schenken, die Alkohol in gemischten Gruppen trinken, auch wenn sie nicht viel über Wein wissen. Die Zeitung lesen, Talkshows gucken und glauben, sie seien progressiver als die erste Gruppe und ihr Leben in der Nähe des westlichen Standards führen.

Der Lifestyle dieser beiden Gruppen ist nicht miteinander verbunden.

Anders als im Westen, wo eine klassenübergreifende Empfindsamkeit aus solchen Elementen wie Kirchenmusik, religiöser Ikonografie und Geschichten aus der Bibel, die sogar für die Leinwände adaptiert wurden, gespeist wird, gibt es keinen kulturellen Boden, der beide Gruppen in der Türkei miteinander verbindet. Ihr Leben, ihr Geschmack und ihr Glauben ist unterschiedlich. Sogar antagonistisch.

Die erste Gruppe wurde verachtet, diskreditiert und in den Jahren der Republik herumgeschubst. Jetzt hat sich diese Gruppe politisch organisiert. Sie ist groß. Und hat nun die politische Kraft, um jede Wahl zu gewinnen.

Die zweite Gruppe ist in der Minderheit. Und hat im Moment keine Chance, eine weitere Wahl zu gewinnen.

Die Armee verrät ihre eigenen Wurzeln

Genau an diesem Punkt kommt ein historisches Paradox auf: Weil die westlicherezweite Gruppe weiß, dass sie niemals mehr an die Macht kommen wird, wenn sie westliche politische Formen beachtet, wird sie immer antagonistisch zu den westlichen demokratischen Werten.

Und weil diejenigen, die dem Westen feindlich gegenüber stehen, wissen, dass sie nur mächtig sind, wenn sie westliche Kriterien beachten, versuchen sie sich, westliche Werte anzueignen und ihre Beziehungen mit dem Westen zu verbessern.

Die Armee spielt bei dieser kulturellen Desintegration eine wichtige Rolle. Wenn sie die erste Gruppe unterstützt und die Kriterien westlicher Demokratie beachtet werden, wird sie ihre Macht verlieren.

Tatsächlich wird die Armee von Kindern aus der ersten Gruppe gebildet, die mit der von ihnen feindlich angesehenen zweiten Gruppe kooperieren, um die Macht zu behalten. Auf eine Art und Weise verrät die Armee also ihre eigenen Wurzeln.

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