• Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.06.2007
 

Sarkozys bizarrer Auftritt

"Beschwipst von seinen eigenen Sätzen"

Von Stefan Simons, Paris

Er kam, sah und fiel aus der Rolle: Videobilder von Nicolas Sarkozys Auftritt beim G-8-Gipfel lassen Frankreichs Staatschef wie betrunken erscheinen. Journalisten, die dabei waren, glauben: "Sarko" sei von seiner eigenen Rolle euphorisiert gewesen oder habe unter Medikamenten-Einfluss gestanden.

Paris - Nicolas Sarkozy gilt als dynamisch, zupackend und professionell. Umso verblüffender sind die Videoaufnahmen, die Frankreichs Staatschef bei einer Pressekonferenz auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm zeigen - durcheinander, schwankend, mit einer Körpersprache, die die Vermutung nahe legt: der Mann hat einen zu viel gehoben.

Die in Heiligendamm anwesenden Pressevertreter waren sich einig: Normal verhielt sich Frankreichs Präsident an diesem Nachmittag nicht; anderseits ist bekannt, dass Sarkozy keinen Alkohol anrührt. Während Vorgänger Jacques Chirac, den Freuden des Lebens nicht abgeneigt, gerne einen guten Schluck nahm, verhielt sich Sarkozy bei seiner gesamten Wahlkampagne strikt enthaltsam. Bekannt ist nur, dass der Franzose gerne mal zur Zigarre greift - aber auch das tut er nicht in der Öffentlichkeit.

Sarkozy war erstmals dabei in der illustren Runde. Er hat sich für sein Treffen mit den Staats- und Regierungschefs einen diplomatischen Marathon verordnet; persönliche Treffen mit den neuen Kollegen, darunter sogenannte "Vier-Augen-Gespräche" mit US-Präsident George W. Bush und Russlands Staatschef Wladimir Putin.

Es passierte nach dem Privatissimum mit Putin: Sarkozy, leicht außer Atem, tritt auf die Bühne des Presseraums, wo, vor dem wolkigen Hintergrund des G-8-Logos, eigens für ihn ein Stehpult aufgebaut worden ist. "Meine Damen und Herren", entschuldigt sich der Franzose leicht verschmitzt lächelnd, "entschuldigen Sie meine Verspätung, die an der Dauer des Dialogs liegt, den ich mit Präsident Putin führte." Und dann bittet Sarkozy, immer noch außer Atem, um Fragen, blickt unsicher im Konferenzraum herum und wirkt erst wieder gefasst, als er sich den Stöpsel für die Übersetzungen ans Ohr schiebt.

War da was? Wenn die Wackelbildchen nicht im Internet kursieren würden - die Geschichte wäre längst vorbei. Aber die nicht einmal minutenlange Sequenz ist ein Renner mit über 1,5 Millionen Klicks etwa beim Videoanbieter YouTube. Und wenn, wie etwa in der Berichterstattung eines belgischen Fernsehsenders, die Szene suggestiv anmoderiert wird, bleibt dem Zuschauer nur die Folgerung: Frankreichs Staatschef war betrunken.


Verleumdung? Rufmord? Frankreichs Medien haben mit äußerster Zurückhaltung über den Auftritt des Präsidenten berichtet - allenfalls über die Internet-Bilder bei YouTube. Doch damit haben sie erst recht Verschwörungstheorien gefüttert: Sarkozy, Intimus der Großen und Mächtigen der Medienbranche, habe die Berichterstattung schlicht verboten oder die Journalisten hätten - Schere im Kopf - sich in vorauseilender Unterwerfung selbst zensiert.

Richard Werly, der für das Schweizer Blatt "Le Temps" aus der dritten Reihe den Präsidenten erlebte, glaubt eher, der Franzose sei unter Druck und schlecht vorbereitet für seinen ersten Schlagabtausch mit Journalisten erschienen: "Dieser Nicolas Sarkozy war perplex, verblüfft, selbst überrascht nun plötzlich unter den 'Heiligen der Heiligsten' zu sein." Wie ein "großer Junge", habe Sarkozy sich verhalten, schreibt Werly und schildert den Staatschef "nicht als betrunken, sondern wie unter einer Überdosis Vitamine oder gedopt". Er folgert deshalb: Der Franzose war an diesem Abend nicht "Präsident", sondern "Sarko" - der Wahlkämpfer, der immer eine gute Dosis von Eigendarstellung braucht, von "Ich" und "mir": "Besoffen, vor Ort zu sein, beschwipst von seinen eigenen Sätzen."

Die Einschätzung passt zum Urteil der französischen Journalisten, die den Präsidenten eher wie "unter Strom" oder "unter Medikamenten" sahen - eine offizielle Erklärung aus dem Elysée jedenfalls gibt es nicht. Das wird die Gerüchte im Internet weiter anschieben. Wenn Sarkozy auf Einladung Putins Moskau besuchen wird, dürften die Journalisten die Pressekonferenz des Franzosen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP