Jetzt drohe, sagt Hanan Aschrawi im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE weiter, ein "Hamas-Ministaat im Gaza-Streifen, während die Westbank unter israelischer Kontrolle bleibt - fragmentiert und belagert". Für die palästinensische Sache wäre das "Selbstmord". Um das zu verhindern, dürften jetzt keine Lösungsversuche unternommen werden, die diese Trennung weiter befördern. Eine internationale Schutztruppe nur im Gaza-Streifen hält sie deswegen zum Beispiel für einen Irrweg.
Der Hamas-Ministaat, von dem die Christin Aschrawi spricht, ist bei alledem freilich noch eine Unbekannte. Zwar herrscht die Hamas in Gaza längst, was das Definieren sozialer Werte angeht - aber es steht zu befürchten, dass sie nun, im Rausch ihrer Eroberungen, auch den letzten Respekt vor nicht-islamistischen Lebensformen fahren lässt. Dass auch die Hamas-Kämpfer den gestrigen Aufruf ihres Premiers Ismail Hanija nicht befolgten, die Waffen zum Schweigen zu bringen, ist ein Indiz dafür, dass die Radikalen unter ihnen das Heft in der Hand halten.
Ein unmittelbares Problem der aktuellen Zweiteilung ist zusätzlich, dass Hilfsgelder kaum noch nach Gaza kommen werden, wenn es keine Fatah-Ansprechpartner mehr gibt - für viele Geberländer, insbesondere aus der EU, eine Bedingung. Das wiederum würde sehr schnell zu einer dramatischen Verschärfung der humanitären Lage führen, wie die Uno-Hilfswerke bereits deutlich gemacht haben. Und das könnte in letzter Konsequenz Israel auf den Plan rufen, im Gaza-Streifen einzugreifen, um Frustattacken zu unterbinden - womit die Eskalationsspirale eine gefährliche neue Windung nehmen würde.
Schon ist in israelischen Regierungskreisen von einer neuen "Gaza-Politik" die Rede. Ein Regierungsoffizieller sagte Reuters, man habe es mit einer "neuen Realität zweier separat gemanagter Palästinensergebiete zu tun". Das Küstengebiet müsse nun als "feindliches und gefährliches Gebilde betrachtet und auch so behandelt werden", sagte Amos Gilad, ein hochrangiger Sicherheitsvertreter, laut Reuters.
Spekulationen über einen Einmarsch wies er zwar zurück. "Wir müssen darauf andere Antworten finden", sagte er dem Bericht zufolge weiter. Zunächst müsse Ägypten dazu gebracht werden, den Schmuggel von Waffen und Geld zu stoppen, "so dass dieses Gebilde sich nicht halten kann".
Andere aber halten einen Wiedereinmarsch in den Landstrich durchaus für eine Option - sie könnte sich als brandgefährlich erweisen, so aufgeputscht, wie die Hamas-Kämpfer gerade sind. Schokolade verteilten sie heute an die Menschen im Gaza-Streifen - ob der heutige Tag auch für die Hamas im Nachhinein noch einer des Triumphes sein wird, ist noch nicht ausgemacht.
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