Von Carolin Jenkner, Warschau
Warschau - Studentenfrühstück im Café "Szpilka" im Zentrum Warschaus. Während Olga Rynkovska, 22, an ihrem Laptop E-Mails verschickt und einen Tee trinkt, ist Präsident Kaczynski in Brüssel in den Ring getreten, um mehr Stimmgewicht für Polen zu erkämpfen. Olga zuckt mit den Schultern. "Ich hab davon gehört", sagt die Landwirtschaftsstudentin. "Aber ich mag Kaczynski nicht, deswegen verfolge ich das auch nicht."
Olga gehört wohl eher nicht zu den 27 Prozent Polen, die sich laut einer Umfrage für das Schicksal der Europäischen Verfassung interessieren. Zumindest nicht an diesem regnerischen Vormittag. Auch die beiden Studentinnen am Nachbartisch winken gleich ab, als der Name "Kaczynski" fällt: "Wir mögen die nicht", sagt Susanna, 20. Und von der Quadratwurzel hat sie noch nichts gehört.
Quadratwurzel. Ein Wort, das Tomasz Kalita gar nicht gerne mag. Quadratwurzel ist ein Wort der Regierung, und Kalitas Partei sitzt gerade in der Opposition. Für den SLD, den Demokratischen Linksbund, schreibt er am Parteiprogramm.
Er sitzt in seinem Zimmer im Sejm, dem polnischen Parlament, und wettert gegen die Strategie der Kaczynskis. "Wir wollen nicht sterben", sagt er in Anspielung auf Premier Jaroslaw Kaczynski, der vor dem Gipfel gesagt hatte: "Quadratwurzel oder Tod". Kalita redet von Frieden, Solidarität und Kompromissen. Das seien die Werte, die die EU auszeichne. Es komme nicht darauf an, ob Polen mehr Einfluss habe.
Dabei war es 2004 die linke Regierung, die versucht hatte, das Stimmengewicht zugunsten mittlerer Länder zu verändern. Kalita poltert weiter: "Es gibt ja noch ein ganz anderes Problem der Kaczynskis: die Krankenschwestern."
Das, was er anspricht, ist zumindest ein polnisches Problem und das zweite große Nachrichtenthema an diesem Freitag. 200 Krankenschwestern zelten vor der Regierungkanzlei in Warschau. Sie kämpfen für mehr Geld, denn von 1000 Zloty im Monat, umgerechnet etwa 250 Euro, können sie ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten.
Nina Rozycka, 48, ist extra aus Lodz gekommen, um Regierungschef Jaroslaw Kaczynski ihre Meinung zu sagen. In der vergangenen Nacht hat sie wie viele ihrer Kolleginnen in einem Igluzelt übernachtet. In der rechten Hand hält sie eine leere Plastikflasche mit Kleingeld. Alle paar Minuten schütteln die Frauen die Flaschen. Sie wollen Zeichen setzen, Lärm machen. Obwohl sie nicht für die Quadratwurzel, sondern für mehr Geld kämpft, hat Nina Rozycka vom EU-Gipfel gehört. "Die Kaczynskis machen in Europa den gleichen Fehler wie in Polen", urteilt sie. Den Quadratwurzelvorschlag findet sie auch gar nicht schlecht. "Aber die Regierung redet nicht mit den anderen Europäern", sagt sie. "Genauso wenig wie mit uns."
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