Von Carolin Jenkner, Warschau
In den polnischen Medien wird spekuliert, dass Jaroslaw Kaczynski wegen der Krankenschwestern in Warschau geblieben ist und seinen Bruder Lech nach Brüssel geschickt hat. Andere werten es als positives Signal, dass jener Zwilling zum EU-Gipfel geflogen ist, der als der weichere gilt. Das zumindest hatte auch Jaroslaw als Zeichen der Kompromissbereitschaft dargestellt.
"Wir wollen einfach wichtig sein in der EU"
30 Autominuten von den streikenden Krankenschwestern entfernt, im schicken Stadtviertel Natolin, wo sich die neureichen Warschauer teure Stadtwohnungen bauen lassen, liegt etwas abgelegen das "Europäische Zentrum Natolin". Hinter dem meterhohen schwarzen Zaun stehen weiße Villen in einer Grünanlage mit Kastanien, Eschen und Ahornbäumen. Eine Oase in der Millionen-Stadt. Wo, wenn nicht hier sollten die Gedanken frei sein für Europa? Rafal Trzaskowski sitzt auf einer Bank zwischen den Villen und Bäumen und redet über den EU-Gipfel.
Der 35-jährige Europaexperte gehört dem "Think Tank" an, der die Warschauer Regierung in Europafragen berät. Sein Chef ist Marek Cichocki, einer der beiden Sherpas von Lech Kaczynski auf dem EU-Gipfel. "Ich erwarte mir nicht viel davon", sagt er. "Die richtigen Verhandlungen kommen doch erst auf der Regierungskonferenz." Er findet es gut, dass die Kaczynskis das Thema Stimmverteilung im Rat auf die Agenda gesetzt haben, aus zwei ganz simplen Gründen. Erstens: Als die Verfassung im Europäischen Konvent verhandelt wurde, habe Konventspäsident Valéry Giscard d'Estaing sich "wie ein König" aufgeführt und den Polen kein Gehör geschenkt. Der zweite Grund: "Wir wollen einfach wichtig sein in der EU und Einfluss haben." Dass das plumpe Auftreten der Kaczynskis Polens Ansehen schadet, glaubt Trzaskowski nicht. "Langfristig werden wir dadurch eine wichtigere Rolle in der EU spielen. Die anderen merken dann: Ohne Polen geht's nicht."
Ein paar Villen weiter, auf dem gleichen Gelände, studiert Andrzej Pyrka, 28. "Ich schäme mich immer, polnische Freunde da mit reinzunehmen", sagt Andrzej. Ein gläserner Fahrstuhl und Marmorfußboden schmücken das Studentenwohnheim. Knappe 18.000 Euro kostet ein Studienjahr am "College of Europe Natolin". Neben dem Europakolleg in Brügge gilt es als die Kaderschmiede für die EU-Kommission. Am Abend des EU-Gipfels trifft Andrzej sich lieber im Café "Miedzy Nami" in der Innenstadt als auf der "europäischen Insel", wie er seinen Campus nennt.
"Die Kaczynskis schaden Polens Ansehen"
Die Zwillinge findet er amüsant. Sie seien keine Katastrophe für Polen - dem Ansehen des Landes würden sie allerdings schon schaden, sagt er. Für Andrzej ändert das aber nichts daran, dass die EU für Polen eine Erfolgsgeschichte ist.
Als er vier war, ist er mit seinen Eltern von Polen nach Deutschland gezogen. "Ich bin in ein Land gekommen, dass durch die EU stabilisiert wurde", sagt er. "Danach hat mich die EU mit meiner Herkunft versöhnt, denn sie hat auch Polen stabilisiert." Was in Polen in den vergangenen 17 Jahren passiert sei, sei eine Sensation. "Mich bewegt das total. Die Zusammenarbeit zwischen Polen und der EU ist ein sensationeller Erfolg."
Heute Abend wird er mit seiner Großmutter in Breslau gebannt vorm polnischen Nachrichtensender sitzen und die Verhandlungen in Brüssel verfolgen. Seine Großmutter bezieht ihre politische Meinung hauptsächlich aus der Predigt und hört den erzkonservativen Sender "Radio Maria".
Trotzdem war sie immer für die EU - wie 89 Prozent der Polen. Und 53 Prozent gaben in einer Umfrage der "Gazeta Wyborcza" an, Präsident Lech Kaczynski solle sich dem Willen der anderen Europäer beugen, wenn die Forderung nach einem stärkeren Stimmengewicht für Polen abgelehnt werde.
Ein klares Signal nach Brüssel.
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