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28.06.2007
 

Polen

Der Geheimdienst und die Bischöfe

Von Anna Reimann

Die Enthüllungen über polnische Bischöfe, die für den Geheimdienst gespitzelt haben, schlagen immer größere Wellen. Mindestens zehn katholische Würdenträger, so hat es eine Kommission der Kirche bestätigt, sollen während des Kommunismus Kontakt mit dem Geheimdienst gehabt haben.

Berlin - Was in Polen schon lange als Verdacht schwelte, wurde gestern von offizieller Stelle bestätigt: Mehr als zehn polnische Bischöfe hatten in der Zeit des Kommunismus Kontakte zu dem polnischen Geheimdienst SB. Die Bischöfe seien als "geheime Kollaborateure" oder als "operative Kontakte" geführt worden, einer sei als Agent registriert gewesen, erklärte eine Untersuchungskommission der katholischen Kirche. Es ist das erste Mal, dass die kommunistische Vergangenheit der Kirche in Polen systematisch aufgearbeitet werden soll.

Erzbischof Stanislaw Wielgus (links): Nicht der einzige katholische Würdenträger, der mit dem kommunistischen Geheimdienst zusammengearbeitet haben soll
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REUTERS

Erzbischof Stanislaw Wielgus (links): Nicht der einzige katholische Würdenträger, der mit dem kommunistischen Geheimdienst zusammengearbeitet haben soll

Die jüngsten Enthüllungen sind die Folgen eines Paukenschlags im Januar dieses Jahres. Der polnische Premier Jaroslaw Kaczynski hatte von einer "nationalen Krise" gesprochen, das katholische Polen stand unter Schock. Der Grund: Der Warschauer Erzbischof Stanislaw Wielgus musste wegen seiner früheren Zusammenarbeit mit dem polnischen Geheimdienst Stunden vor seiner Amtseinführung zurücktreten.

Was siebzehn Jahre nach Ende des Kommunismus unter dem Deckel gehalten werden konnte, hatte sich seinen Weg an die Oberfläche gebahnt: Die katholische Kirche musste Spitzel in den eigenen Reihen einräumen. Dass Wielgus kein Einzelfall ist, legte der Warschauer Pater Tadeusz Isakowicz-Zaleski in seinem Buch nahe.

Sonderkommission sollte alle noch lebenden Bischöfe prüfen

"Priester im Angesicht des Geheimdienst" heißt das Buch, in dem Isakowicz-Zalewski beschreibt, wie drei heutige Bischöfe in den siebziger und achtziger Jahren mit dem kommunistischen polnischen Geheimdienst kooperierten. Und wie 39 Geistliche aus der Region Krakau für die Staatssicherheit spioniert haben sollen. Schließlich sorgte ein Bericht der Zeitung "Dziennik" für noch größere Aufregung: Ende der 70er Jahre seien vom Geheimdienst SB zwölf Bischöfe als Mitarbeiter geführt worden. Sie hatten Bericht über die Interna der Bischofskonferenz erstatten sollen.

Die Kirche zog Konsequenzen aus den Vorfällen. Vor sechs Monaten nahm der Ausschuss der Kirchen seine Arbeit auf. Die Sonderkommission sollte die Vergangenheit aller 132 noch lebenden polnischen Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinale prüfen. Die gestern präsentierten Ergebnisse sollen nun an das Präsidium der Konferenz des Polnischen Episkopats weitergeleitet werden. Die Bischofskonferenz soll die Erkenntnisse dem Nuntius übergeben - der wiederum soll sie an den Papst weiterleiten. Im Vatikan wird dann entschieden, welche Konsequenzen ihre Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst den betreffenden Bischöfen droht. Erzbischof Slawoj Leszek Glodz scrhränkte gestern bei der Vorstellung der Ergebnisse aber deren Aussagekraft ein: "Das Archivmaterial ist unvollständig und chaotisch." Ihr Zustand erlaube nicht, den Umfang, die Intensität oder die Schädlichkeit einer eventuellen Geheimdienstmitarbeit genau zu ermessen.

"Es geht um die Glaubwürdigkeit der Kirche"

Mindestens zehn Bischöfe wurden in den siebziger und achtziger Jahren von dem polnischen Geheimdienst "geführt" - so viel wurde der Öffentlichkeit mitgeteilt. Um wen es sich dabei aber namentlich handelt, soll weiterhin nicht veröffentlicht werden. Erzbischof Slawoj Leszek Glodz, der den Bericht vorstellte, sagte gestern: Er habe nie versprochen, dass der Ausschuss eine Liste der Geistlichen, die in Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten verwickelt waren, veröffentlichen würde.

Isakowicz-Zaleski dürfte froh sein, dass die Aufklärungsarbeit begonnen hat. Die Art und Weise aber kritisiert der Priester und Buchautor jedoch scharf. Ein Bischof solle auf Grund seiner Position von jedem Verdacht frei sein. "Die Unschuldsvermutung funktioniert meiner Meinung nach in diesem Fall nicht", sagte er jetzt der Zeitung Gazeta Wyborcza. Die Diozösenbischöfe hätten das Recht zu wissen, ob jemand aus ihren Reihen für den Geheimdienst gespitzelt habe. Dass der Gläubige nur das erfahre, was die Kirche ihm gnädigerweise mitteilten, sei nicht in Ordnung. "Denn bei der Lustration geht es um die Glaubwürdigkeit der Kirche", so Isakowicz-Zaleski.

Die Mehrheit der polnischen Bevölkerung dürfte der aufklärungswillige Priester jedenfalls auf seiner Seite haben: In einer Umfrage vom März 2007, die die Zeitung Dziennik durchführte, sagten 78 Prozent der Befragten, dass sie Aufarbeitung über die Vergangenheit der Priester für nötig halten. Siebzig Prozent der Menschen wollen sogar, dass die Betroffenen von ihren Ämtern zurücktreten.

Für die polnische Kirche geht die Sorge um weitere Enthüllungen unterdessen weiter: Dass der historische Ausschuss der Kirchen noch weiteres Material findet, ist nicht unwahrscheinlich. Alle Akten sind noch nicht gesichtet. Manche schätzen gar, dass zehn Prozent aller Geistlichen mit dem kommunistischen Sicherheitsdienst zusammengearbeitet haben.

Mitarbeit: Marta Glowacka

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