SPIEGEL ONLINE: Herr Koenigs, Sie müssen als Administrator der Uno in Afghanistan ständig in einem gefährlichen Land unterwegs sein. Wie schützen Sie sich eigentlich davor, Opfer einer Entführung zu werden?
Tom Koenigs: Nach dem verheerenden Terroranschlag auf die Uno-Zentrale in Bagdad im August 2003, wo einige meiner Freunde umgekommen sind, haben die Vereinten Nationen eine ganz neue Sicherheitsorganisation geschaffen. Die beschützt mich auch. Ich arbeite unter sehr strengen Sicherheitsregeln, die einem das Leben zuweilen schwer machen.
Tom Koenigs: "Wir dürfen nicht einknicken"
Koenigs: Unsere sogenannten Road Missions werden von der afghanischen Polizei geschützt. Dann bewegen wir uns in gepanzerten Fahrzeugen fort, und meine Stellvertreter und ich haben zusätzlich noch Leibwächter mit. Das schirmt einen vor zufälligen Kontakten leider völlig ab, so dass man auf spontane Begegnungen, die einem ja viel über die Stimmung verraten können, fast ganz verzichten muss. Ich lege großen Wert auf Gespräche mit Afghanen aus allen Schichten. Das wird dann aus Sicherheitsgründen alles vorher organisiert.
SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich ist die Situation für Ausländer in Afghanistan, die nicht so gut geschützt sind wie Sie?
Koenigs: Ohne eine sehr gründliche Sicherheitsinstruktion und ohne eine sorgfältige Vorbereitung der Sicherheitsmaßnahmen sollte man dort nicht reisen. Und jeder muss wissen, dass wenn er auf eigene Faust im Land reist, er unter Umständen auch andere in Gefahr bringt. Man reist ja selten allein und trägt auch für Fahrer und Dolmetscher Verantwortung.
Koenigs: Wir haben unsere Präsenz im ganzen Land sehr stark ausgedehnt. In den letzten anderthalb Jahren haben wir die Anzahl unserer Provinzniederlassungen verdoppelt. Das war mir besonders wichtig, damit wir nahe bei den Leuten sind. Die Uno beschäftigt in Afghanistan 300 internationale und 1200 nationale Kräfte. An vielen Orten kann man mit nationalen Kräften noch was machen, wenn man mit internationalen nichts mehr ausrichten kann. In den gefährlichen Gegenden müssen wir uns sehr eng mit denen abstimmen – und die sind ja in großer Zahl da -, die unsere Hilfe wollen. Wir reden viel mit den Dorfältesten.
SPIEGEL ONLINE: Viele Hilfsorganisationen ziehen sich dennoch aus ländlichen Gebieten zurück, weil die Risiken für Nicht-Afghanen zu groß sind.
SPIEGEL ONLINE: Steuern die Taliban die Entführungen zentral?
Koenigs: Nein, es gibt sehr unterschiedliche Arten von Entführungen. Manche haben einen rein kriminellen Hintergrund, hinter anderen stecken terroristische Motive – oder eine Mischung aus beiden.
SPIEGEL ONLINE: Die Taliban scheinen erheblich aufgerüstet zu haben. Manche Beobachter sprechen bereits von der Irakisierung Afghanistans. Ist das übertrieben?
Koenigs: Ja. In manchen Bereichen haben die Taliban allerdings neue Militärtechniken übernommen. Aber die kann man ja heute auch im Internet finden. Die Bedrohung hat in den letzten beiden Jahren zweifellos zugenommen. Aber die politische Konstellation ist vollkommen anders als im Irak.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland scheint der Unmut über den Bundeswehr-Einsatz zu wachsen. Auch bei ihrer Partei, den Grünen, gibt es Absetzbewegungen. Linke Landesverbände wollen das Thema Afghanistan-Einsatz auf einem Sonderparteitag neu aufrollen.
Koenigs: Wir dürfen wegen der terroristischen Bedrohung nicht einknicken. Das wäre für die Afghanen und für die Helfer, die dort weiter arbeiten wollen, das Falscheste, was man machen kann. Man muss sich der Herausforderung stellen und energisch Kurs halten. Anders wird man der Lage nicht Herr. Und man darf nicht vergessen: Die Afghanen haben uns gebeten, sie zu unterstützen. Die leiden ja am meisten unter dem Terror der Taliban. Ein Abzug würde die Afghanen sehr enttäuschen, so wie die Internationale Gemeinschaft sie 1989 schon einmal enttäuscht hat…
SPIEGEL ONLINE: … nach dem Abzug der sowjetischen Besatzer, als die Internationale Gemeinschaft das Land verließ ...
Koenigs: … danach vervielfachte sich das Leiden. Heute wäre es ähnlich. Da sind die Afghanen gebrannte Kinder. Wir haben ihnen versprochen, den Aufbau des Landes und der Demokratie zu unterstützen. Die meisten Afghanen wollen nicht weniger, sondern mehr westliche Truppen im Land haben, um die Sicherheit zu verbessern. Die Amerikaner haben bereits mehr Truppen beigebracht. Auch die Engländer haben mehr Truppen gestellt. Und es gibt einen starken Druck auf andere Länder.
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