SPIEGEL ONLINE: Sollen die Deutschen mehr Soldaten nach Afghanistan schicken?
Koenigs: Das wäre sehr wünschenswert, vor allem Ausbilder. Im Augenblick kommt es nämlich darauf an, die afghanischen Sicherheitskräfte zu stärken. Langfristig müssen die Frieden, Recht und Gesetz im Land absichern. Die internationalen Kräfte müssen so lange bleiben und das Land stabil halten, bis die nationalen Kräfte stark genug sind, den Aufstand zu besiegen. Internationales Militär schlägt keinen nationalen Aufstand nieder. Das ist die Aufgabe der afghanischen Armee.
SPIEGEL ONLINE: Worauf beruht Ihre Hoffnung, dass die Armee das schaffen kann?
Koenigs: Die Taliban sind unpopulär, auch im Süden des Landes. Wir müssen viel stärker auf die örtliche Polizei setzen und die Polizisten viel besser und auch viel schneller ausbilden. Die bisherigen Erfolge beim Aufbau einer zivilen und demokratischen Polizei lassen noch viel zu wünschen übrig. Da ist zahlenmäßig das Soll noch lange nicht erreicht. Die Afghanen wollen da mehr Unterstützung von uns. Umgekehrt würde ein reduziertes Engagement sofort von den Taliban und auch von der internationalen militanten islamistischen Bewegung als Schwächeln wahrgenommen und propagandistisch entsprechend ausgebeutet. Die Aktionen der Taliban zielen immer sehr genau auf europäische Parlamente und die jeweilige politische Situation in den Herkunftsländern der Isaf-Truppen.
SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für die aktuellen Entführungsfälle?
Koenigs: Das könnte sein. Das Internet verbindet ja alle. Wenn man sich die Internetseiten der Taliban ansieht, merkt man, dass die sehr genau zur Kenntnis nehmen, was bei uns politisch diskutiert wird. Alles, was als Schwäche gedeutet werden kann, ist Wasser auf die Mühlen derer, die Afghanistan wieder unter die Knute des militanten Islam haben wollen.
SPIEGEL ONLINE: Im Herbst wird der Bundestag wieder über den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch entscheiden. Müssen wir uns im Vorfeld der Entscheidung möglicherweise auf mehr gezielte Aktionen einstellen?
Koenigs: Das ist wahrscheinlich zu weit gegriffen. Aber es ist schon auffällig, dass die Taliban die Entscheidungen in den europäischen Ländern sehr genau verfolgen und die Schwachstellen kennen.
SPIEGEL ONLINE: Was wäre die kühnste Hoffnung der Taliban? Ein Mitglied der Allianz herausbrechen zu können?
Koenigs: Nicht nur das, sondern dass die gesamte internationale Staatengemeinschaft bröckelt und sich mangels Masse aus Afghanistan verabschiedet.
SPIEGEL ONLINE: Also hoffen die Taliban auf einen politischen Erosionsprozess?
Koenigs: Ja, und zwar im militärischen wie im zivilen Bereich. Aber dass sich die Internationale Gemeinschaft jetzt noch mal stärker engagiert, ist etwas, womit die Taliban sicher nicht gerechnet haben, als sie diesen massiven Aufstand vor einem Jahr begonnen haben. Auch nicht, dass Afghanistans Unterstützung - die militärische und zivile - im amerikanischen Kongress jetzt eine fast einstimmige Zustimmung findet.
SPIEGEL ONLINE: Treibt die Militärstrategie der Amerikaner im Süden den Taliban Sympathisanten und Kämpfer zu? Manche Kritiker der USA wie Oskar Lafontaine gestehen den Taliban schon fast ein Recht zum Aufstand zu.
Koenigs: Das Recht zum Aufstand gegen eine demokratisch gewählte Regierung kann ich schwer sehen. Ich weiß nicht, aus welchen Normen sich das herleiten sollte. Dazu kommt, dass die Taliban eine äußerst brutale Bewegung sind, die klassisches Kriegsrecht mit Füßen treten. Schon die Unterscheidung zwischen Kämpfern und Zivilisten wird nicht gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Die USA müssen ihre Militärstrategie nicht überdenken?
Koenigs: Die Amerikaner haben keine gesonderte Militärstrategie. Allerdings gibt es auf der strategischen Ebene koordinatorische Mängel. Die Harmonisierung von ziviler und militärischer Strategie muss verbessert werden. Auch die Abstimmung innerhalb der militärischen Kräfte ist nicht optimal. Der örtliche internationale Kommandeur und der afghanische Kommandeur wissen manchmal gar nicht, was die jeweils andere Seite gerade macht. Das führt dann im schlimmsten Fall zu zivilen Opfern.
SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das ändern?
Koenigs: Wir führen über solche Fälle sehr genau Buch. Die Uno hat ja ein Mandat zum Schutz der Zivilbevölkerung. Wir versuchen, unsere Erkenntnisse dann mit denen der Militärs abzustimmen, um das Einsatzverhalten zu verändern. Ich finde es sehr positiv, dass sowohl die Isaf als auch Operation Enduring Freedom unsere Hinweise ernst nehmen. Sie wissen, dass zivile Opfer nicht nur eine humanitäre Katastrophe bedeuten, sondern sofort von der Gegenseite propagandistisch ausgenutzt werden. Das schwächt uns moralisch. Allerdings wird man zivile Opfer im Krieg nie ganz vermeiden können.
SPIEGEL ONLINE: Sind die Deutschen einfach zu ungeduldig, was den Afghanistan-Einsatz angeht?
Koenigs: Man kann nicht erwarten, dass ein Land nach 30 Jahren im Bürgerkrieg innerhalb von fünf Jahren alle Probleme löst. Als ich vor anderthalb Jahren nach Afghanistan kam, schienen die Warlords das Hauptproblem zu sein. Davon hört man jetzt kaum noch etwas. Fortschritte gibt es auch im Gesundheitswesen oder bei der Bekämpfung der Kindersterblichkeit. Aber wir dürfen nie vergessen: Afghanistan ist das fünftärmste Land der Welt. Wir brauchen Geduld und Beharrungsvermögen und sollten uns von temporären Rückschlägen nicht ermutigen lassen. Und vor allem sollten wir unser Versprechen halten. Wer jetzt abziehen will, lässt das afghanische Volk im Stich und liefert sie einer furchtbar brutalen Bewegung aus.
Das Interview führten Claus Christian Malzahn und Georg Mascolo
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