Von Barbara Hans
Hamburg – Die Milizionäre auf den Pferden schießen in alle Richtungen. Die Menschen, die sie treffen, bluten überall, manchen fehlt ein Arm oder ein Bein. "Tote" hat jemand als Erklärung neben die Kinderzeichnung geschrieben - gerade so, als müsse man sichergehen, dass die Botschaft nicht missverstanden, all die rote Farbe nicht missinterpretiert wird.
Häuser brennen, über die Dörfer fliegen Hubschrauber. Panzer sind in Stellung gebracht, feuern ihre Munition ab. Krieg in Darfur.
Die Kanadierin Anna Schmidt hat diese Zeichnungen ans Licht der Welt gebracht. Eigentlich wollte die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation "Waging Peace" nur im Tschad mit Flüchtlingen sprechen, wie sie das seit Jahren in Afrika tut. Sie lässt die Opfer von Menschenrechtsverletzungen zu Wort kommen; sie möchte ihnen das Gefühl geben, nicht verloren zu sein; sie will, dass die Geschichten der Flüchtlinge einen Beitrag leisten, um das Elend zu beenden.
Aber diesmal, im Tschad, ging es plötzlich um mehr als Gespräche.
In einem Flüchtlingslager im Osten des Landes interviewte die Lehrerin in den vergangenen vier Wochen mehr als 200 Frauen, die aus Darfur geflohen waren. Zögernd berichteten sie von Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Plünderungen. Schmidt versuchte während der Gespräche, die Kinder zu beschäftigen, damit sie Ruhe gaben. Die Mädchen und Jungen bekamen Papier und Wachsmalstifte.
Für die Kinder, die sonst nur den monotonen Alltag im Flüchtlingslager kennen, waren die Stifte das Größte. Immer mehr kamen und malten. 500 Bilder entstanden auf diese Weise. Verstörende Bilder. Die Acht- bis Zehnjährigen zeichneten ihre Erfahrungen in ihrer Heimat Darfur.
"Die Kinder sind so unverfälscht"
"Wir haben sie nicht dazu aufgefordert", sagt Rebecca Tinsley, Chefin von " Waging Peace", zu SPIEGEL ONLINE. "Die Kinder konnten malen, was sie wollten. Aber die Zeichnungen zeigen, wie traumatisiert sie sind."
Die Bilder sind nicht nur Beweise für zerstörte Kinderseelen. Sie belegen auch Menschenrechtsverletzungen an Zivilisten in den vergangenen vier Jahren durch jene brutalen Milizen, die der sudanesischen Regierung nahestehen. Sie belegen Flugzeugangriffe auf Dörfer und den Einsatz von Panzern. Es gibt so gut wie keine Fotos vom Krieg in Darfur. Aber jetzt gibt es Zeichungen - jene von Schmidts Flüchtlingskindern.
Als sie die Zeichnungen gesehen habe, sei sie verblüfft gewesen, sagt Tinsley. "Die Bilder zeigen all das, wovon die Menschen in der Region seit Jahren berichten. Sie zeigen, dass die sudanesische Regierung seit Jahren die Welt belügt."
Die Regierung hat eine Mitschuld an Verbrechen in Darfur stets zurückgewiesen. "Man hat vor allem immer verneint, an der Ermordung von Zivilisten beteiligt zu sein. Die Bilder widerlegen dies", sagt Tinsley. "Waging Peace" will die Bilder nun als Beweismaterial an den Strafgerichtshof in Den Haag übergeben. "Wir sind optimistisch, dass man die Bilder als Beweise anerkennen wird. In der Vergangenheit hat man auch Fotografien als Belege akzeptiert."
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