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10.08.2007
 

Menschenrechtsverletzungen in Darfur

Der Tag, als man Ismael ins Feuer warf

Von Barbara Hans

2. Teil: "Riecht diese Erde nach Sudan oder nach Tschad?"

Doch auch nach der Flucht sind die Menschen nicht sicher: Die Dschandschawid treiben auch in den Grenzregionen ihr Unwesen. "Die Grenze zwischen dem Sudan und dem Tschad ist lang. Die Soldaten schaffen es nicht, sie zu kontrollieren. Oder sie wollen es nicht", sagt die Mitarbeiterin von "Waging Peace". Deshalb flüchten die einstigen Flüchtlinge aus den Lagern im Tschad zurück in den Sudan.

Die Bevölkerung im Tschad hat das Gefühl, dass die Hilfsorganisationen nur im Land sind, um die Flüchtlinge mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen – während sie selbst nichts haben. Und so ist jeder Gang aus dem Lager – sei es, um Holz zu sammeln, sei es, um auf einen kleinen benachbarten Markt zu gehen, für die Flüchtlinge lebensgefährlich. Die Tschader drücken mitunter das Gesicht eines Flüchtlings auf den staubigen Boden und fragen: "Riecht diese Erde nach Sudan oder nach Tschad? Dann geh dahin zurück, wo du hin gehörst."

Plündernde Milizen - und eine Regierung, die nichts tut

Die internationalen Hilfsorganisationen sind sich einig: Die Dschandschawid werden in ihrem Kampf gegen die schwarzafrikanische Bevölkerung durch die Soldaten der sudanesischen Regierung unterstützt. "Es gibt sehr viele Belege für diese Vermutung", sagt Anabele Bermejo, Sprecherin von Amnesty International, SPIEGEL ONLINE. "Häufig werden Dörfer von den Flugzeugen der Armee bombardiert, während zur selben Zeit die Dschandschawid angreifen. Außerdem tragen die Reitermilizen die Waffen und Uniformen der Regierungstruppen", sagt Bermejo. So falle es der Regierung leichter, eine Zusammenarbeit mit den Kämpfern zu verneinen – denn die treten als solche nicht länger in Erscheinung. Die sudanesische Regierung tue "praktisch nichts" gegen die Dschandschawid und behindere die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs.

"Khartum gibt sich alle Mühe, die Kämpfe in Darfur als Auseinandersetzungen zwischen Stämmen erscheinen zu lassen. Und das Schlimme ist: Viele westliche Politiker glauben das", sagt die Mitarbeiterin von "Waging Peace". "Wenn unsere Regierungen sich eingestehen würden, dass es dort Menschenrechtsverletzungen im hohen Ausmaß gibt, dann müssten sie handeln."

Ehemalige Soldaten der Regierung haben ihr erzählt, dass sie den expliziten Auftrag gehabt hätten, die Menschen in den Dörfern zu töten. "Man hat ihnen gesagt: Entweder ihr tötet sie, oder man wird euch töten." Sie äußert den Verdacht, dass die sudanesische Regierung die arabischen Reitermilizen nicht nur mit Waffen ausstattet und finanziert, sondern sie außerdem – auch in angrenzenden Ländern – ausbildet.

"Nichts als Propaganda, um der Regierung zu schaden"

Der Sprecher der sudanesischen Botschaft in Deutschland, Yonas bol Demanial, weist die Vorwürfe entschieden zurück. "Die Menschenrechtsverletzungen werden von Gesetzlosen begangen, nicht von der Regierung", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Die Gruppen werden nicht durch die Regierung unterstützt. Wir sind darum bemüht, den Frieden in unserem Land wieder herzustellen." Außerdem wäre der Sudan bereit, mit dem Internationalen Strafgerichtshof zusammenzuarbeiten – allerdings unter der Bedingung, dass die Verhandlungen innerhalb des Landes und nicht in Den Haag geführt würden. Die Erzählungen der Flüchtlinge seien "Propaganda, um der Regierung zu schaden", sagt Demanial. Wahr seien die Schilderungen und die Ausführungen der Hilfsorganisationen nicht. Die Medien hätten in der Vergangenheit immer wieder dazu beigetragen, dem Ansehen des Landes zu schaden.

Die Einsätze in den Dörfern begründet die Regierung offiziell mit dem Kampf gegen die Oppositionellen. "Die Widerstandsbewegung ist nach unserer Einschätzung die Konsequenz der Angriffe durch die Dschandschawid", sagt die "Waging Peace"-Mitarbeiterin. Zwar seien die Rebellen nicht unschuldig, aber sie versuchten, ihre Dörfer zu verteidigen. Es gehe ihnen nicht darum, Zivilisten anzugreifen. "Und ich habe auch noch nicht von Vergewaltigungen durch diese Gruppen gehört."

Ismael wünscht sich unterdessen nur eins: dass die Wahrheit in die Welt gelangt. Und dass vielleicht irgendwann jemand kommt und seine Wunden heilt. Manchmal versucht seine Großmutter ihn zu beruhigen. Dann sagt sie ihm, dass er nicht der einzige ist, dem so Schlimmes widerfahren ist.

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