Von Jürgen Kremb, Singapur
Singapur - Die kurz zuvor noch smarten Hightech-Künstler, sahen jetzt ziemlich dämlich aus. Gerade hatten die vier jungen Taiwanesen den zweiten Platz im asiatischen Microsoft-Wettbewerb für kreative Anwendung von Software gewonnen, dann dieses Outfit für die Siegerehrung: Zhang Shuwei schleppte einen alten Reisekoffer auf die Bühne, die drei Freunde der jungen Frau latschten in Hotelschlappen hinterher.
Aber der Auftritt der "Software-Magier" (so die lokale Presse) vor gut einer Wochen in der koreanischen Hauptstadt Seoul, war gar nicht so patschig, wie das auf den ersten Blick aussah. Die ungewöhnlichen Utensilien nutzen die jungen Künstler nur, um eine Botschaft zu transportieren, die nach Protesten der ebenfalls teilnehmenden Delegation aus der Volksrepublik nicht gezeigt werden sollte. Auf dem Reisekoffer stand in großen Lettern: "Wir kommen aus Taiwan". Auch die Pantoffeln zierte ein großes "T & W", Akronym für das Heimatland der vier.
Wenn Taiwanesen international ihre Herkunft kundtun oder gar ihre Nationalfahnen zeigen wollen, dann müssen sie sich dieser Tage ziemlich viel einfallen lassen. Denn jeder Auftritt, bei dem der Eindruck erweckt wird, bei der demokratischen Nation in der chinesischen See handele es sich um einen unabhängigen Staat, wird von Chinesen jeder Couleur stets im Keim erstickt. Denn für China ist die kleine Nation, die seit 1949 eine eigene Armee, Währung und Regierung hat, nicht mehr als eine abtrünnige Provinz. So wie damals, als Mao Zedong und Tschiang Kai-Shek im Bürgerkrieg lagen und die Truppen des Generalissimo sich nach Taiwan absetzten.
Kein Eklat ist zu peinlich
Und um diese Botschaft immer wieder klar zu machen, ist den Patrioten aus dem mächtigen "Festland", so wie die Volksrepublik China von den 23 Millionen auf der gerade mal Holland-großen Insel Taiwan genannt werden, auch heute kein diplomatischer Eklat zu peinlich. Wie weit das gehen kann, zeigte erst kürzlich das bizarre diplomatische Theater bei der "Internationalen Organisation für Tiergesundheit" (OIE) in Paris.
Normalerweise geht es in dem Verband, der kein Uno-Ableger ist, um Themen wie die Maul- und Klauenseuche oder Tierfutterreinheit. Doch ist die OIE eine der wenigen internationalen Organisationen, in der Taiwan noch Mitglied sein darf – und zwar unter dem in Peking besonders verhassten Staatsnamen "Republik China" aus den Zeiten Tschiang Kai-Sheks. Also entschloss sich die aufstrebende Supermacht, das starke und moderne China, ein Exempel zu statuieren, das doch ziemlich an den Kalten Krieg erinnert.
Respekt, aber keine diplomatischen Beziehungen
Peking verlangte nicht nur den Ausschluss des verhassten Bruders, sondern ihn auch noch ziemlich zu erniedrigen. Nach dem Rauswurf Taiwans sollten alle Diplomaten der Organisation feierlich vor das Gebäude ziehen, die Fahne Taiwans einholen und den roten Wimpel Pekings aufziehen.
Die Propagandashow von fast kulturrevolutionärem Zuschnitt scheiterte dann zwar am Widerstand von EU-Staaten und den USA, Taiwan bleibt unter dem Namen "Chinese Taipeh" weiterhin OIE-Mitglied. Aber der Vorgang illustriert das Dilemma, in dem sich westliche Nationen in der Taiwan-Frage befinden. Regierungen von Berlin bis Washington zollen der kleinen Nation zwar Respekt, dass sie sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten vom autoritären Staat völlig ohne Blutvergießen zur vollständigen Demokratie gewandelt habe.
Washington hat sich laut einem zwischenstaatlichen Vertrag sogar verpflichtet, im Falle eines Angriffs durch China den Freunden in Taiwan beizustehen. Aber kein bedeutendes Land unterhält mit Taiwan heute noch diplomatische Beziehungen. Dafür ist China längst zu mächtig und zu wichtig geworden.
Starker Staat mit dem Status einer NGO
Taiwan, als Staat immerhin noch eine der 25 größten Volkswirtschaften, führen in Berlin und Paris letztlich nur noch den Status einer NGO. Würde Taipehs Regierung sich etwa als Taiwan unabhängig erklären, lässt China wissen, wäre das der Grund für einen Krieg. Präsident Chen Shui-Bian, immerhin genauso demokratisch gewählt wie Angela Merkel, darf aus Angst vor Pekinger Protesten im Frankfurter Flughafen noch nicht einmal den Transitraum betreten.
"Um zu zeigen, dass wir noch da sind", sagt Liu Shih-Chung, außenpolitischer Berater des taiwanesischen Präsidenten zu SPIEGEL ONLINE, "müssen wir eben ziemlich viel Kreativität beweisen." Doch wenn er das sagt, schwingt Resignation in seiner Stimme mit. Denn früher, war das einfach eine Frage des Geldes. Wollte einer der 24 Ministaaten, wie Swaziland oder Kiribati, die zu Taipeh heute noch diplomatische Beziehungen unterhalten, eine Botschaft in Peking eröffnen, schickte Präsident Chen eben etwas mehr Entwicklungshilfe. Aber seit Peking der zentralamerikanischen Republik Costa Rica mit dem sagenhaften Betrag von 430 Millionen Dollar zum Wechsel der diplomatischen Beziehungen bewegte, ging Taipeh die Luft aus.
Für den 15. Versuch in Folge der Uno beizutreten, den Taipeh im vergangenen Monat angeschoben hat, ließ sich Liu vom Außenministerium in Taiwan deshalb was ganz Besonderes einfallen. Bis zur Uno-Vollversammlung Mitte September, auf der Taiwans Antrag behandelt wird - und ganz sicher wie auch in den Jahren davor am Veto Chinas scheitern wird, fahren Busse mit Taiwan-Werbung durch die Straßen New Yorks. Darauf ist ein Wal in einem Aquarium zu sehen, das auseinander zu platzen droht. "Viel zu klein für einen großen Fisch", lautet der dazu gestellte Slogan.
Heavy-Metal-Band als Botschafter
Außerdem sponsort das Außenministerium in Taipeh die populäre Heavy-Metal-Band Chthonic. Die sechsköpfige Gruppe, die in Musikzirkeln mittlerweile so beliebt ist, dass Kritiker sie überschwänglich schon als asiatische Wiedergeburt von "Black Sabbath" feiern, zieht gerade in einer Mammuttournee mit 64 Konzerten um die Welt. Als erste nicht-japanische Band aus Fernost tritt sie sogar beim legendären Ozzfest in den USA auf. Wie das Motto der Tour - "Taiwan UNLimted" - verrät, geht es dabei auch ein bisschen um Politik.
Und das geht so: Jeden Abend tritt der Leadsänger der Gruppe in seiner diabolischen Bemalung vor die grölenden Fans und sagt: "Die Uno erachtet sich als Vertretung aller Nationen. Aber Taiwan ist davon ausgeschlossen. Denn Taiwan vertritt wie ihr hier auch, die Unterwelt." Dann, so weiß Liu vom Außenministerium in Taiwan, tobt die Menge. Das wertet der Diplomat mit dem kreativen Ansatz als Applaus für seine Sache. "Wir bleiben damit im Gespräch", sagt er. "Nichts ist wichtiger."
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