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Al-Qaida Bin Laden geht mit neuem Video auf Sympathisantenfang

2. Teil: Was ist mit Bin Ladens Bart passiert?

Interessant ist allerdings eine Passage, in der er den USA unterstellt, den Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten im Irak entfacht zu haben. Darin liegt eine implizite Distanzierung vom Kurs des 2006 getöteten irakischen Qaida-Chefs Abu Mussab al-Sarkawi, der genau diesen Bürgerkrieg zum Ziel hatte und alles getan hat, um ihn auszulösen.

Mit dieser eher ungewöhnlichen Rede dürfte Bin Laden vor allem zwei Adressatenkreise im Sinn haben:

  • Zum einen jene Sympathisanten aus dem eigenen Lager, denen einige der gegen islamische Zivilisten gerichteten Qaida-Anschläge zu radikal waren und die sich deswegen wieder von dem Netzwerk abgewandt haben. Sie versucht er, mit einer neuen Betonung der Moral der Mudschahidin wieder einzufangen. Vor allem die andauernden Massaker an schiitischen Muslimen im Irak, aber auch die Ermordung von mehr als 50 Muslimen in Jordanien im Herbst 2005 durch Sarkawis Leute haben Qaida-Zustimmung gekostet.

  • Zum anderen richtet sich die Rede aber zweifellos auch an ein globales Publikum der US- und Globalisierungskritiker. Wie ein islamistischer Che Guevara setzt Bin Laden den politischen Islam als Gegenmodell zu einem alles verschlingenden, unkontrollierbaren und übermächtigen Kapitalismus in Szene. Das ist ein Versuch, Anknüpfungspunkte für zukünftige Allianzen zwischen islamistischen und nicht-muslimischen Extremisten zu schaffen.

Mit seiner Rede zementiert Bin Laden das Bild, dass er vor allem die ideologische Leitfigur al-Qaidas ist. Sein Ton ist beinahe präsidial, die Gewalt, die von seinen Leuten ausgeht, wird nicht einmal erwähnt - Bin Laden spricht, als sei er ein Intellektueller und kein Militanten-Oberhaupt.

Ob das Video konkrete Folgen haben wird, ist nicht abzusehen. Auf dschihadistischen Internetseiten wird das Originalvideo jedenfalls mit Spannung erwartet. Aber einen konkreten Auftrag wird man ihm kaum entnehmen können - anders als in der Vergangenheit, als Bin Laden gezielt einzelne Staaten in den Fokus stellte, in denen es dann oft zu Anschlägen kam, weil seine Sympathisanten sich zur Tat aufgerufen fühlten.

Was ist mit Bin Ladens Bart passiert?

Die US-Geheimdienste sind nach ersten Untersuchungen des Videos von dessen Authentizität offenbar weitgehend überzeugt. Die Stimme auf dem Band sei "sehr sicher" die Osama Bin Ladens, sagte in der Nacht ein US-Vertreter, der nicht namentlich genannt werden wollte, mehreren Nachrichtenagenturen.

Ein Ausschnitt des Videos wurde am Freitagabend von dem arabischen Satellitensender al-Dschasira ausgestrahlt. Auch hier blieb unklar, wie der Sender an das Material gelangte. Das Originalvideo werde wohl binnen 72 Stunden veröffentlicht, spekulierte der Sender.

Ein Aspekt des Videos, mit dem sich die Nachrichtendienste in aller Welt in den kommenden Tagen auseinandersetzen werden, ist indes Bin Ladens Aussehen. Schon auf einem Standbild, das al-Sahab gestern veröffentlichte, war zu erkennen, dass der Terrorfürst sich offenbar seinen Bart gestutzt und gefärbt hat. Jedenfalls scheint er neuerdings schwarz zu sein. Diese Praxis ist allerdings nicht unüblich bei arabischen Würdenträgern.

Dass das Video zum sechsten Jahrestag der Anschläge vom 11. September veröffentlicht wird, ist kaum ein Zufall. Al-Qaida hat das symbolische Datum in den vergangenen Jahren öfter für elaborierte Propaganda genutzt. Im vergangenen Jahr publizierte al-Sahab bisher unbekanntes Filmmaterial einiger der Attentäter.

Interessant wird nun sein, ob und wie al-Qaidas PR-Abteilung darauf reagiert, dass die US-Regierung und US-Medien die Rede schon vorab kannten, sendeten und interpretierten. Das Kalkül der US-Seite war klar: Man wollte dem Terroristen den Wind aus den Segeln nahmen - ging damit aber ein gewisses Risiko ein. Der Trick funktioniert nur, solange al-Qaida das Video auch selbst noch publiziert. Andernfalls müssten sich die USA möglicherweise dafür rechtfertigen, ohne Not ein Propagandavideo verbreitet zu haben.

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