ThemaIrakRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
09.09.2007
 

US-Bericht zum Irak

Das Prinzip Saddam - unter amerikanischer Flagge

Von Bernhard Zand, Dubai

Terror, Korruption, verseuchtes Wasser - die Lage im Irak ist so düster wie seit Jahren nicht mehr. US-Kommandeur Petraeus und US-Botschafter Crocker stellen in dieser Woche entscheidende Berichte vor: Der Druck war groß, etwas Positives zu finden.

Dubai - Nach drei Jahren hatte Richter Radhi al-Radhi, 63, genug – er räumte seine Dienstvilla in der Grünen Zone von Bagdad, ließ sich zum Flughafen bringen und verschwand. Er kündige, ließ er vorigen Freitag aus dem fernen Washington wissen. Wer mag es ihm verdenken.

Schiiten-Demonstration in Basra: Fraglich, wer zu wem loyal ist
Zur Großansicht
REUTERS

Schiiten-Demonstration in Basra: Fraglich, wer zu wem loyal ist

Richter Radhi, von Saddam Husseins Folterknechten eingesperrt und misshandelt, hatte es nach dem Krieg zum obersten irakischen Korruptionswächter gebracht, zum Chef der "Kommission für öffentlichen Anstand". Zuversichtlich ging er ans Werk. Etwa acht Milliarden Dollar öffentlicher Gelder waren verschlampt worden, so fand er heraus; bald hatte er Ermittlungen gegen acht Minister und 40 Ministerialdirektoren eingeleitet.

Doch er kam nicht weit: Die Minister des neuen Irak gruben einen Paragrafen aus der Saddam-Zeit aus, wonach kein Beamter ohne die Erlaubnis seines Ministers angeklagt werden darf; Premierminister Nuri al-Maliki fügte noch ein entscheidendes Detail hinzu: keine Ermittlungen gegen aktuelle oder ehemalige Minister ohne Erlaubnis des Ministerpräsidenten. Von den 196 Fällen, die Richter Radhi gegen das Handelsministerium vorgebracht hatte, schafften es acht vor Gericht, von den 455 gegen das Verteidigungsministerium schafften es 15. Dann gingen die ersten Morddrohungen gegen ihn ein.

Korruption sei inzwischen "die Regel in den meisten Ministerien", doch das Innenministerium sei "unberührbar", das Gesundheitsministerium "eine wunde Stelle", im Ölministerium werde "zugunsten von Milizen gestohlen", korrupte Beamte im Wasser-, im Erziehungs-, im Arbeits-, im Transportministerium seien "praktisch immun" gegen Strafverfolgung: So steht es in einem vertraulichen Papier der US-Botschaft, einem von Dutzenden Lageberichten, die zur Zeit aus Bagdad in Washington eintreffen.

Die beiden wichtigsten Berichte bekommt der US-Kongress diese Woche zu hören – von General David Petraeus, der über die militärische, und von Botschafter Ryan Crocker, der über die politische Lage im Irak referieren wird. Nach Monaten der Kommentare und Deutungen, der geschönten und der dramatisierten Versionen von der irakischen Wirklichkeit stehen nun die zwei entscheidenden Fragen an: Reichen die Ergebnisse der siebenmonatigen Sicherheitsoffensive, um den enormen Aufwand der US-Armee im Irak zu rechtfertigen? Oder sind die Iraker, politisch wie militärisch, inzwischen so weit, daß die Amerikaner mit ihrem lange geplanten Abzug beginnen können?

Irak: Strategien und Abzugspläne

The Surge

Im Januar 2007 reagierte die US-Regierung mit dem sogenannten "Surge" ("Die Woge") auf die dramatische Lage im Irak. Ziel war es, durch eine Offensive und Aufstockung der US-Soldaten die Sicherheitslage zu verbessern. Fünf weitere Brigaden (rund 20.000 Mann) wurden entsandt, um die 132.000 bereits im Irak stationierten US-Militärs und die Einheiten der irakischen Armee zu unterstützen.

Die USA hofften, der irakischen Regierung auf diesem Weg die Durchsetzung politischer Reformen zu ermöglichen und die Versöhnung der verfeindeten ethnischen und religiösen Gruppen voranzutreiben. Durch großzügige finanzielle Unterstützung sollten Arbeitsplätze geschaffen werden und so die Normalität im Irak wieder Einzug halten.

Tatsächlich konnte "The Surge" militärische Fortschritte gegen sunnitische Aufständische und radikale Schiiten verzeichnen, der politische Versöhnungsprozess scheint jedoch weiter zu stagnieren.

Der Bagdad-Plan

Die Baker-Hamilton-Kommission

Der Abzug der Briten

Niemand rechnet kurzfristig mit einem radikalen Kurswechsel der amerikanischen Irakpolitik – es zeichnen sich eher neue Fristen und letzte Kompromisse zwischen Republikanern und Demokraten ab. Für die mittel- und langfristige Strategie allerdings werden die Antworten dieser Woche entscheidend sein. Von ihnen hängt ab, wie lange die Regierung von Premier Nuri al-Maliki noch im Amt bleibt, ob George W. Bush das von ihm begonnene Irak-Abenteuer noch selbst abwickeln wird, ob die US-Militärführung ausreichend Truppen für einen möglichen Krieg mit Iran zur Verfügung hat – und was nach viereinhalb Jahren Krieg eigentlich noch das Kriegsziel im Irak ist.

Die irakische Staatspolizei gilt als unbrauchbar

Drei große Berichte diverser US-Regierungsstellen sind dem Petraeus-Crocker-Report vorausgegangen; sie waren geschäftsmäßig im Ton, aber weitgehend negativ in der Sache. Mehr als "bescheidener Fortschritt" sei trotz "robuster Aufstandsbekämpfung" in den nächsten zwölf Monaten nicht zu erwarten, befanden 16 Geheimdienstbehörden in ihrer Einschätzung. Nur sieben von 18 politischen Parametern, die das Weiße Haus im Frühjahr aufgestellt hatte, habe die irakische Regierung teilweise erfüllt, so der US-Rechnungshof, die Zahl der einsatzfähigen irakischen Divisionen gehe sogar zurück. Die irakische Staatspolizei sei "unbrauchbar", so der Bericht einer Militärkommission des Kongresses, und sollte am besten aufgelöst werden.

Groß ist also der Druck auf Petraeus und Crocker, etwas Positives zu verkünden. Der Präsident selbst war letzte Woche ganz euphorisch nach seinem Überraschungsbesuch auf der US-Basis al-Asad nördlich von Bagdad: "Wir treten sie in den Arsch", sagte er dem australischen Vizepremier Mark Veile, der ihn nach der Lage im Irak befragt hatte, in gewohnt ruppiger Manier.

Der angesehene "New York Times"-Kolumnist Paul Krugman hingegen erinnerte vorsichtshalber schon einmal an Erfolgsmeldungen, mit denen General Petraeus in den ersten Nachkriegsjahren deutlich daneben lag: Die irakischen Führer schritten "zügig voran", hatte er 2004 befunden, die irakischen Sicherheitskräfte, für deren Ausbildung er damals zuständig war, machten "enorme Fortschritte", erklärte er 2005.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Irak

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Mehr auf SPIEGEL ONLINE






TOP



TOP