Von Bernhard Zand, Dubai
Immerhin: Diesmal hat Petraeus an der Sicherheitsfront durchaus ein paar erfreuliche Ergebnisse zu verkünden. Die sunnitische Anbar-Provinz, vor einem Jahr an al-Qaida verloren geglaubt, gehört inzwischen zu den vergleichsweise sicheren des Irak. Selbst in Teilen von Bagdad und in der Provinz Diyala, wohin viele der aus Anbar verscheuchten Kämpfer sich abgesetzt hatten, zeichnet sich inzwischen eine leichte Entspannung ab: Sunnitische Stammesführer kooperieren mit der US-Armee gegen al-Qaida.
Ob sich Amerika so gut auf das Prinzip Saddam – verteile Wohltaten und herrsche unter den Stämmen – versteht wie der Diktator in den letzten Jahren seiner Herrschaft, bezweifeln manche Irak-Kenner. Sie fürchten, die Aufrüstung der Sunniten werde lediglich eine weitere Miliz hervorbringen. Sieben US-Frontsoldaten haben kürzlich in einem gemeinsamen Meinungsbeitrag auf den heiklen Punkt hingewiesen: "Bewaffnete sunnitische Stämme sind in der Tat effektive Ersatztruppen. Doch es bleibt die Frage, wem sie loyal sind, wenn wir nicht mehr da sind." Noch schwieriger als für General Petraeus wird es für Botschafter Crocker, gute Nachrichten zu verbreiten. Das nationale Versöhnungsprojekt, von seinen Vorgängern angeregt und von ihm selbst in nächtelangen Sitzungen unterstützend begleitet, tritt auf der Stelle – ja, es bewegt sich eher zurück als nach vorn. Drei Parteien haben inzwischen ihre Minister aus dem Kabinett Maliki abgezogen – der Parlamentsblock des Schiitenpredigers Muktada al-Sadr, die Sunniten von der irakischen Versöhnungsfront sowie die Säkularen von der Liste des ehemaligen Ministerpräsidenten Ijad Allawi.
Selbst im Norden häufen sich die schlechten Zeichen
Nun will Maliki die Posten mit unabhängigen Technokraten besetzen. Den Segen des einflussreichen Großajatollah Ali al-Sistani holte er sich dafür vorige Woche in der heiligen Stadt Nadschaf. Bleibt die Frage, welcher Technokrat sich im konfessionell vergifteten Klima noch bereit findet, eines der führungslosen oder von Milizen unterwanderten Ministerien zu übernehmen.
Denkbar, dass Premier Maliki noch im letzten Moment mit einer Überraschung aufwartet. Ende August erst hatten er und vier weitere Parteichefs sich grundsätzlich darauf verständigt, die Bedingungen für ehemalige Mitglieder der Baath-Partei zu erleichtern, auf staatliche Posten zurückzukehren – der Wortlaut ihres Abkommens wurde allerdings ebenso wenig veröffentlicht wie der Gesetzesentwurf, an dem sie gemeinsam arbeiten wollen. Zu tief sind die Gräben, zu vorhersagbar die Störfeuer von den radikalen Rändern.
Mangels Erfolgsmeldungen aus Bagdad dürfte Crocker die Aufmerksamkeit der Kongressabgeordneten und Senatoren erneut auf die Provinzen lenken, vor allem den bislang vergleichsweise ruhigen Norden und Süden des Landes. Auch dort allerdings häufen sich seit Wochen die schlechten Zeichen. Die Gefechte in der schiitischen Pilgerstadt Kerbela vor zwei Wochen sowie der permanente Mörserbeschuss, der die britische Armee nun zum Rückzug aus der Innenstadt von Basra veranlasste, deuten auf kommende Verteilungskämpfe zwischen den rivalisierenden Schiitenparteien im Süden hin.
"Der Aufschwung ist eine traurige Angelegenheit"
Von einer wirtschaftlichen Entwicklung, die es überhaupt zulässt, Ressourcen zu verteilen, kann freilich kaum die Rede sein: Der Ölexport – 2,58 Millionen Barrel pro Tag vor dem Krieg – ist im August auf 1,15 Millionen Barrel gesunken. Und mehrere der Provinzen, deren Kontrolle von den Koalitionskräften an die Iraker übergeben wurde, sind zu gefährlich, als dass die US-Entwicklungshelfer sich aus der Grünen Zone in Bagdad zu den lokalen Wiederaufbau-Teams hinauswagten.
Besser stellt sich die Lage im faktisch unabhängigen kurdischen Norden dar. Wie zur Bestätigung der Aufbruchstimmung, die Irakisch-Kurdistan erfasst hat, eröffnete Botschafter Crocker vorvergangene Woche in der Stadt Suleimanija eine Amerikanische Universität – nach zwei ehrwürdigen Vorbildern in Kairo und Beirut. Mitten in die Feierlichkeiten platzte dann die Meldung, dass nur wenige Kilometer entfernt die Cholera ausgebrochen ist. Aber das Wasser in Suleimanija sei doch schon seit langem verseucht, erklärten der kurdische Gesundheits- und der Bewässerungsminister. An Rücktritt denkt keiner der beiden.
"Die Lage im Zentral- und im Südirak ist so schlecht, dass von unseren 90 Cholera-Kranken auf der ganzen Welt keiner was wissen will", sagt Assos Hardi, Herausgeber der Wochenzeitung "Awena". So schrieben er und seine Kollegen eben weiter über die Korruption und die täglichen Stromausfälle und das giftige Wasser – während der Rest des Irak die Kurden um ihren Frieden beneidete. "Der kurdische Aufschwung ist wirklich eine traurige Angelegenheit."
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