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10.09.2007
 

Machtkampf in Pakistan

Showdown für Musharrafs Erzfeind

Von Björn Hengst

Pakistans wankender Staatschef geht auf volles Risiko: Pervez Musharraf hat seinen Widersacher Sharif sofort nach der Heimkehr aus dem Exil wieder abschieben lassen - entgegen einem Gerichtsbeschluss. Damit könnte der Militärmachthaber seinen eigenen Niedergang befördert haben.

Hamburg - Er galt einmal als der "König von Pakistan". So stand es auf einer großen Blechtafel in Pakistans Hauptstadt Islamabad, die ein Unternehmer Mitte der neunziger Jahre zu Ehren des damaligen Regierungschefs Nawaz Sharif spendiert hatte.

Auch heute sollte der 58-Jährige gebührend gefeiert werden: Tausende Anhänger hatten am Flughafen auf Sharif gewartet, der gestern Abend in London in eine Maschine der Fluggesellschaft PIA gestiegen war, um in seine Heimat zurückzukehren. Nach sieben Jahren im Exil wollte er in den pakistanischen Wahlkampf eingreifen. Er wolle sein Land zu Demokratie und Rechtstaatlichkeit zurückführen, hatte Sharif vor seinem Abflug erklärt. Es war eine offene Kampfansage an seinen Erzfeind, an Präsident und Militärchef Pervez Musharraf.

Aber die Rückkehr auf heimischen Boden währte nur wenige Stunden. Polizisten hatten zuvor wichtige Vertraute Sharifs festgenommen und den Flughafen mit Straßensperren hermetisch abgeriegelt. Kurz nach seiner Landung wurde der Ex-Premier festgenommen und anschließend nach Saudi-Arabien abgeschoben. Die Begründung von Staatsseite: Vorwürfe der Geldwäsche und Korruption.

Am Flughafen kam es zu Unruhen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten, die Polizei ging mit Knüppeln und Tränengas gegen die Sharif-Anhänger vor. Augenzeugenberichten zufolge wurden bei einer Schießerei fünf Menschen verletzt.

Mit der Abschiebung will sich der politisch angeschlagene Musharraf eines gefährlichen Konkurrenten entledigen. In wenigen Wochen stehen Parlamentswahlen in Pakistan an, sie werden in der Zeit zwischen dem 15. September und 15. Oktober erwartet, und für eine Wiederwahl Musharrafs sieht es derzeit nicht gut aus: In dem Land wächst der Widerstand gegen die Militärdiktatur, Musharraf verliert Umfragen zufolge stark an Rückhalt - spätestens als der 64-Jährige im März den Obersten Richter des Landes entlassen hatte, wendete sich das Blatt gegen Musharraf. Die Entscheidung des Staatschefs löste Massenproteste aus, das Oberste Gericht korrigierte Musharraf und setzte den Richter vor wenigen Wochen wieder ein - eine Schlappe für Musharraf.

"Mein Land braucht mich"

Sharif hätte zu einem gefährlichen politischen Gegengewicht für Musharraf werden können, politische Analysten räumten ihm für den Fall einer Wahlteilnahme gute Chancen ein. Die Rivalität zwischen Musharraf und Sharif reicht viele Jahre zurück.

1999 hatte Musharraf sich unblutig an die Macht und Sharif aus dem Amt geputscht. Dabei war es Sharif, der Musharraf zum Militärchef gemacht hatte. 2000 zwang der neue Machthaber den früheren Regierungschef ins politische Exil nach Saudi-Arabien. Zehn Jahre, darauf hatten sich die beiden Kontrahenten damals geeinigt, sollte das Exil währen - dann sollten strafrechtliche Vorwürfe wie Korruption und Amtsmissbrauch gegen Sharif fallengelassen werden.

Kürzlich ebnete aber das Oberste Gericht Pakistans den Weg für eine frühzeitige Rückkehr des zweimaligen Regierungschefs Sharif: Es sei das unumstößliche Recht eines jeden Pakistaners, in seinem Land zu leben, schrieb Iftikhar Muhammad Chaudry - ausgerechnet der Richter, den Musharraf aus dem Amt jagen wollte. Sharif kündigte daraufhin seine Einreise an: "Mein Land braucht mich", sagte er nach dem Urteil des Gerichts.

Mit der Abschiebung Sharifs dürfte sich Musharraf erneut den Zorn vieler Pakistaner auf sich gezogen haben. Der Industriellensohn Sharif hat trotz seiner Exiljahre noch immer eine breite Anhängerschaft in seinem Heimatstaat Punjab, auch wenn er in seiner Regierungszeit gemeinhin als korrupt und machtgierig galt und in seiner knapp dreijährigen Amtszeit die Auslandschulden drastisch stiegen. Punjab ist zudem die Region mit den meisten registrierten Wählern in Pakistan.

Muslim-Liga spricht von "Kriegsrecht in Pakistan"

Sharifs Partei, die Muslim-Liga, kündigte bereits rechtliche Schritte gegen die Abschiebung an. "Es herrscht jetzt praktisch Kriegsrecht in Pakistan, und Pervez Musharraf ist der oberste Kriegsrechtsverwalter", sagte Parteisprecher Siddiq Farooq.

Sharifs Bruder Shahbaz sprach vom "schwärzesten Tag" in der Geschichte seines Landes. "Mir fehlen die Worte, um meinen Kummer zu beschreiben", sagte er dem Fernsehsender Geo TV. Auch die Europäische Union verurteilte die Abschiebung. Sharif hätte die Möglichkeit eingeräumt werden müssen, sich in Pakistan vor Gericht zu verteidigen, sagte eine EU-Sprecherin in Brüssel.

Die pakistanische Regierung zeigte sich unbeeindruckt: "Die Abschiebung ist im grundlegenden Interesse des Volkes", sagte Pakistans Innenminister Aftab Khan Sherpao.

Dennoch steckt sie in einer schweren Krise. Um nicht vom Sockel gestoßen zu werden, verhandelt Musharraf derzeit sogar mit der Ex-Regierungschefin Benazir Bhutto über einen Machtpakt. Die Gespräche sind Ausdruck von Musharrafs Not. Der geplante Deal zwischen den beiden enthält im Kern Folgendes: Musharraf bleibt weitere fünf Jahre Präsident, Bhutto kann aus dem Exil zurückkehren und wird erneut Regierungschefin. Mit ihrer Pakistan Peoples Party soll die populäre Exilantin die Wiederwahl Musharrafs sichern.

Auch Bhutto und Sharif sind langjährige Konkurrenten. Sharif hatte 1990 geholfen, die damalige Premierministerin zu stürzen, Bhutto wiederum provozierte mit einem Bündnis mit dem damaligen Präsidenten Ghulam Ishaq Kahn den Sturz des Premiers.

Die Verhandlungen zwischen Bhutto und Musharraf sind noch nicht abgeschlossen, aber für Beobachter ist seit heute zumindest eines klar: Durch die Abschiebung Sharifs - außer Bhutto der wohl einzige pakistanische Politiker mit nationalem Gewicht - hat Musharraf seinen Erzrivalen noch populärer gemacht.

Mit Material von dpa, AP und Reuters

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