Von Andreas Lorenz, Peking
So droht der Reiz Chinas hinter dem schwarzen Rauch der Fabrikschlote, in den Abgasen der Pekinger Autos, im Giftgrün der algenverseuchten Seen zu verblassen. Schon werben einige US-Firmen mit "China-freien" Produkten. Chinas Schummeleien und Schmuddeleien chinesischer Produzenten könnten ein wichtiges Thema im amerikanischen Präsidentenwahlkampf werden, wenn die Kandidaten entdecken, dass "China-Bashing", das "Einschlagen auf China", Stimmen einbringt.
Auf der anderen Seite müssen Pekings Spitzenfunktionäre schneller auf Vorwürfe reagieren. Sie wissen, dass sie Klagen aus dem Ausland nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Denn nichts fürchten sie mehr als Aufrufe zum Boykott der Olympischen Spiele.
Deshalb hat der Nationale Volkskongress – Pekings Pseudoparlament – eine Art Schnelle Einsatzgruppe geformt, die auf Skandale und auf Vorwürfe aus dem Ausland flugs reagieren und Missstände abstellen soll. Als der Tadel laut wurde, Kinder arbeiteten in Olympia-Betrieben, reagierte die Regierung zügig und kappte die Lizenzverträge mit vier Unternehmen im Perlfluss-Delta.
Gleichzeitig greifen die Funktionäre auf die alten Methoden der Zensur zurück: So wenig schlechte Nachrichten wie möglich, lautet die Order an die chinesischen Medien. So verschwanden Berichte über das Schicksal der 181 im August von Fluten eingeschlossenen Bergarbeiter und die Suche nach der Ursache der Katastrophe von einem Tag auf den anderen aus den Zeitungen.
Auf die Kritik aus dem Ausland an mangelhaften Exportwaren reagierte die Presse mit Gegenvorwürfen: Viele dieser Berichte seien "falsch", befand das KP-Organ "Volkszeitung". Hinter solchen Meldungen steckten "Handelsprotektionisten", die "hinter den Kulissen Gefühle gegen China schüren". Das Zeichen "Made in China" sollte "beschmiert" werden, befand die "China Business Weekly".
China sieht sich als Opfer
Ein Autor der "Südlichen Metropolen-Zeitung" zitierte einen Zeitgenossen aus dem 19. Jahrhundert, der die Chinesen für ihre "Ehrlichkeit und Integrität" beim Geschäftemachen lobte. "Wie kann es sein", wundert sich der Schreiber allen Ernstes, "dass in 100 Jahren diese in ihrer Ehrlichkeit so entschlossenen Chinesen in den Augen der Westler auf einmal für Fälschungen stehen?"
Diese Reaktion ist nicht zufällig: Die KP-Politiker sind gefangen in ihrer eigenen Propaganda, die China stets als Opfer ausländischer Machenschaften schildert, zurückgehend auf die kolonialen Überfälle des 19. Jahrhunderts.
Die Erinnerung an die alten Demütigungen hält die Partei bewusst wach. Beschwerden von außen dienen der Regierung als Vorwand, das vermeintlich erniedrigte Volk um sich zu scharen, nach dem Motto: Wer uns kritisiert, neidet uns nur unsere Erfolge und will uns wie früher klein halten.
So sendet die KP zwei Botschaften in die Welt, die sich immer häufiger in die Quere kommen. Nummer eins: Wir sind eine aufstrebende Großmacht und verlangen Respekt. Nummer zwei: Wir sind ein armes Entwicklungsland, das Hilfe und Nachsicht braucht.
Als armer Schlucker darf man sich, so glauben viele KP-Funktionäre, einiges erlauben: Die Umwelt verschmutzen, Ideen klauen, gefährliche Güter verkaufen und seiner Bevölkerung die Freiheit rauben.
Doch das will der Regierung in Peking bald niemand mehr abkaufen. Ein Land, das die Olympischen Spiele ausrichtet, genießt keine Sonderrolle mehr - und muss sich internationalen Normen anpassen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Wirtschaft in China | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH