Rangun – Schüsse peitschen durch die Luft, Rauchbomben und Tränengasgranaten explodieren, Menschen flüchten vor prügelnden Soldaten – das burmesische Militär versucht mit aller Härte weitere Proteste gegen das Regime des südostasiatischen Landes zu unterbinden. Beim dem gewaltsamen Vorgehen der Sicherheitskräfte wurden heute mindestens neun Menschen getötet.
Unter den Toten seien acht Demonstranten und ein Japaner, teilten staatliche Medien in Rangun mit. Verletzt wurden demnach elf Demonstranten und mehr als 30 Polizisten und Soldaten.
Die Demonstranten hätten Ziegelsteine, Stöcke und Messer auf die Sicherheitskräfte geworfen, hieß es in der offiziellen Darstellung. In dieser "verzweifelten Situation" hätten die Sicherheitskräfte "Warnschüsse" abgeben müssen. Augenzeugen berichten dagegen von friedlichen Demonstrationen - die von den Militärs brutal aufgelöst wurden.
Die Regierung in Tokio bestätigte, dass bei einer Leiche ein japanischer Pass gefunden wurde. Die Nachrichtenagentur AP berichtet, bei dem Japaner handele es sich um einen 50-jährigen Videojournalisten, der für die Agentur AFP tätig war. Sein Arbeitgeber und sein Vater hätten ihn auf einem Foto, identifiziert, meldet AP unter Berufung auf einen Mitarbeiter der japanischen Botschaft.
Der in Oslo ansässige burmesische Exilsender "Democratic Voice of Burma" berichtete von einem weiteren ausländischen Fotografen, der bei den Protesten ums Leben gekommen sein soll. Dies wurde bislang nicht bestätigt. Auch in burmesischen Internet-Blogs kursieren Gerüchte über einen weiteren getöteten Journalisten.
Während sich die Situation in Burma immer weiter zuspitzt, sagte die Militärregierung vor ausländischen Diplomaten ein gemäßigtes Vorgehen gegenüber der Demokratiebewegung zu. "Die Regierung ist entschlossen, zurückhaltend auf die Provokationen zu reagieren", erklärte ein stellvertretender Außenminister der Junta heute laut einem Diplomaten, der an dem Treffen am Regierungssitz in der neuen Hauptstadt Naypyidaw teilnahm.
Der Minister machte demnach "destruktive Elemente im Innern und Äußeren" für die Proteste verantwortlich. "Sie sagten, sie würden eindeutig missverstanden, deswegen hätten sie zu dem Treffen eingeladen", sagte der Diplomat.
Militär und Polizei räumten heute eine der großen Straßen in der Nähe der abgeschirmten Sule-Pagode, einem der Zentren des friedlichen Widerstands buddhistischer Mönche. Dort hatten sich zunächst erneut rund 10.000 Demonstranten versammelt und gegen das seit 45 Jahren herrschende Regime aufbegehrt. Andere Beobachter sprachen von bis zu 70.000 Protestierenden. Unter ihnen waren nur noch wenige Mönche. In Sprechchören forderten einige Demonstranten: "Gebt uns Freiheit".
Die Demonstranten flüchteten, als das Militär über Lautsprecher ultimativ mit "extremen Aktionen" drohte. Erneut schossen die Soldaten in die Menge. Tausende Menschen liefen durch die Straßen, auf denen blutigen Sandalen lagen. Schon gestern waren nach unbestätigten Berichten bis zu acht Menschen in den Straßen Ranguns, der wichtigsten Stadt Burmas, ums Leben gekommen.
Zur Unterbindung weiterer Proteste hatten burmesische Soldaten bereits in der Nacht mehrere Klöster in der Hafenstadt Rangun gestürmt und mehr als hundert Mönche festgenommen. Augenzeugen berichteten, die Mönche seien geschlagen und aus den Klöstern abtransportiert worden. In der Nähe des Ngwe-Kyar-Yan- Klosters griffen etwa 1000 empörte Dorfbewohner einen Militärlaster mit Steinen an. Sie wurden mit Tränengas in die Flucht geschlagen.
Die in Burma tief verehrten Mönche waren bislang die Speerspitze der größten Massenproteste seit Niederschlagung der Demokratiebewegung im Jahr 1988.
Nachdem sich der Uno-Sicherheitsrat wegen des Widerstands Chinas bei einer Dringlichkeitssitzung in New York nicht auf eine Verurteilung des Blutvergießens in Burma hatte einigen können, warnte Peking das befreundete Regime vor einer weiteren Zuspitzung. Es müsse vermieden werden, "dass die Situation eskaliert und komplizierter wird", sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Jiang Yu, in Peking. Sonst sei die Stabilität in Burma und in der Region gefährdet.
Die USA forderten die Junta zu einem sofortigen Ende der Gewaltauf. "Die birmanische Regierung sollte sich dem Wunsch des Volkes nach Freiheit nicht in den Weg stellen", sagte ein Sprecher des US-Präsidialamtes. "Sie muss diese Gewalt gegen friedliche Demonstranten jetzt stoppen."
Deutschland und weitere EU-Länder verschärften ihre Hinweise für Reisen nach Burma. Das Auswärtige Amt riet von "nicht unbedingt notwendigen" Besuchen ab. Laut Schätzungen halten sich derzeit etwa 150 Deutsche in Burma auf, darunter etwa 50 Touristen. Bei den anderen handelt es sich um Geschäftsleute und Mitarbeiter von Tourismusunternehmen.
phw/AFP/AP/Reuters/dpa
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Demonstrationen in Burma 2007 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH