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Kriegsgefahr in Nahost "Es kann sehr rasch zu einer Eskalation kommen"

2. Teil: Was könnte Israel durch einen Angriff auf Syrien gewinnen?

SPIEGEL ONLINE: Brächte ein Angriff auf Syrien Israel einen strategischen Gewinn? Ein Krieg und damit verbunden der Sturz des Regimes von Baschar al-Assad kann doch eigentlich nicht im israelischem Sinne sein. Immerhin garantiert es eine gewisse Stabilität und hält islamistische Splittergruppen in Schach.

Jilke: Es ist tatsächlich fraglich, was Israel durch eine Offensive gegen Syrien gewinnen könnte. Israel steht ja vor einer bequemen Situation: Es hat den Golan ohne einen Friedensvertrag annektiert und lebt da sehr friedfertig. Wenn es also riskieren will, die derzeitige Lage zu verändern, muss es sehr gute politische Gründe geben, das zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Israelische und US-amerikanische Medien haben immer wieder davon berichtet, dass es in den vergangenen Wochen auch auf der syrischen Seite des Golans zu einer Aufrüstung gekommen ist. Sie sagen, die Lage sei stabil und wenig aufgeregt. Was stimmt denn nun?

Jilke: Auf syrischer Seite ist nichts passiert, gar nichts. Es hat Anfang des Jahres den üblichen Frühjahrsputz gegeben, bei den die Erdstellungen, die im Winter eingesackt sind, neu befestigt wurden. Die Syrer haben ja kaum Stellungen aus Beton und Stahl hier. Dazu gab es in der von uns überwachten 25 Kilometer-Zone einen sehr moderaten Ausbau von hoch defensiven Stellungen, aber keine Bedrohung durch Truppenverstärkung. Ich kann Stein und Bein schwören, dass die Syrer in der von uns überwachten Zone in den vergangenen Monaten keine Bunker gebaut oder Waffen und Munition deponiert haben. Für den Rest von Syrien kann ich das nicht apodiktisch sagen. Tatsache ist, dass das Ausmaß der israelischen Tätigkeiten weit über dem der syrischen liegt.

SPIEGEL ONLINE: Bei dem Luftzwischenfall am 6. September haben israelische Kampfjets ein nicht bekanntes Ziel in Nord-Syrien bombardiert. Verschiedene Zeitungen zitieren seitdem anonyme Quellen, die behaupten, es habe sich dabei um eine von Nordkorea gelieferte Nuklearanlage gehandelt. Was wissen Sie?

Jilke: Ich schließe nicht aus, dass in der operativen Tiefe des Landes Waffensysteme installiert worden sind, wobei das Projekt mit den russischen Fliegerabwehrsystemen rein defensiv ist. Und wen stört ein defensives System? Nur den, der offensiv werden will.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es für möglich, dass Syrien Nuklearanlagen oder Atomwaffen aus Nordkorea bezogen hat?

Jilke: Dazu kann ich Ihnen nichts sagen, das liegt außerhalb meiner Zuständigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Israel behauptet, dass Syrien in großer Zahl Raketen aus Iran und aus Nordkorea importiert hat. Was halten sie davon?

Jilke: Das weiß ich nicht. Grundsätzlich gibt es keine Armee auf der Welt, die nicht in regelmäßigen Abständen ihr Gerät erneuert. Eines steht fest: Je komplexer neue Waffensysteme sind, desto länger benötigen Streitkräfte, sie wirklich einsatzfähig zu machen. Das bedarf einer langen Ausbildung und Logistik.

SPIEGEL ONLINE: Könnte ein Krieg zwischen Israel und Syrien herbeigeredet oder herbeigeschrieben werden, wie einige Analysten befürchten?

Jilke: Ich teile die Besorgnis, dass aus einem kleinen Übergriff irgendwann etwas Größeres entstehen könnte. Da kann es sehr rasch zu einer Eskalation kommen. Die Undof hat deshalb ihre Tätigkeit auf dem Golan massiv intensiviert und führt zum Beispiel mehr Patrouillen durch. So könnten wir im Falle eines Konflikts in einem ganz frühen Stadium vor Ort sein und dazwischen gehen. Aber natürlich ist es, wenn sich eine der beiden Nationen zu einem Krieg entschlossen hat, irrelevant, was die Undof macht.

Das Interview führte Ulrike Putz

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