Von Ulrike Putz, Beirut
Beirut - Nadim Abed al-Razik ist eine Frohnatur. Anders ist wohl nicht zu erklären, dass er die Geschichte seines Unglücks mit blendender Laune zum Besten gibt. Mit Mühe hat er sich auf seinen zwei Fußprothesen die Treppen seines Elternhauses hoch in den ersten Stock gewuchtet.
Da sitzt er nun auf der ärmlichen Couchgarnitur und erzählt: Wie er sich in den ersten Tagen des Irak-Krieges im März 2003 anstecken ließ von der Dschihad-Euphorie. Wie er mit drei Cousins loszog, um dabei zu sein, wenn die Amerikaner besiegt werden würden. Und wie sein Dreivierteljahr im Irak endete: Mit zwei amputierten Unterschenkeln und einem verpfuschten Leben.
Über den Hügeln seines Heimatdorfes Berkayel im hohen Norden des Libanon sinkt langsam die Sonne. Nadims Schwestern, Schwägerinnen und die alte Mutter zaubern in der Küche Ramadan-Spezialitäten. Sie haben ihre ganz eigene Art, mit Nadims Schicksal umzugehen. Alle paar Minuten kommen sie ins Wohnzimmer, um den Tisch für das anstehende Fastenbrechen zu decken - und um Nadim aufzuziehen.
Die Schwester spottet, die Mutter schimpft, Nadim lacht
"Unser Held", spöttelt seine Schwester, genauso blond und knallblauäugig wie er. "Dieser Junge, ich sollte ihn übers Knie legen", schimpft die Mutter. "Seinetwegen habe ich Diabetes und Herzprobleme. Und ich kann kaum noch sehen, weil ich mir die Augen für ihn ausgeweint habe", sagt sie. Nadim scheint die liebevollen Rüffel gewöhnt, er grinst gottergeben.
Nadim hat eine klassische libanesische Dorfjugend hinter sich gebracht. So schnell wie möglich von der Schule, ein Job als Friseur, Abende mit Wasserpfeife, Freunden und Cousins auf dem Dorfplatz. Die Gespräche kreisten endlos um Mädchen und Autos. Religion und Politik waren kein Thema.
Das änderte sich, als der Irak-Krieg heraufzog, erzählt Nadim. Im Stundentakt seien auf saudischen, syrischen, jordanischen Sendern Clips gelaufen, mit denen die Jugend für den Heiligen Krieg begeistert werden sollte. "Geht in den Irak, kämpft den Dschihad, hieß es immer wieder", erinnert sich Nadim.
Planlos ins Kriegsgebiet
Eine elektrisierende Botschaft: "Für einen Araber reicht allein das Wort Dschihad, und dein Leben gerät aus den Fugen." Als der Krieg in der Nacht vom 19. auf den 20. März 2003 begann, war für Nadim und seine Freunde der Siedepunkt erreicht . "Vier Tage haben wir zugesehen, wie die Amerikaner den Irak bombardierten", sagt er. Am fünften verkaufte er für 65 Dollar sein Handy, verabredete sich mit drei Cousins und zog in den Krieg, heimlich. "Wir konnten unseren Eltern nicht auf Wiedersehen sagen, sie hätten uns nicht gehen lassen."
Pläne oder Kontaktmänner hatten die vier jungen Männer zwischen 18 und 23 keine. "Wir haben nicht an al-Qaida gedacht", sagt Nadim. "Wir dachten, wir kommen an, schnappen uns eine Waffe und los geht’s." Das mag wohl etwas naiv gewesen sein, gibt er verlegen zu - in dem Moment seien sie aber zu aufgewühlt gewesen, um sich Fragen über das Wie und Wohin zu stellen.
Ein Freund fuhr die vier zum Wadi Khaled im äußersten Nordosten des Libanon. Sie sprangen über eine Mauer, liefen durch ein Flussbett und waren in Syrien. Per Bus und Sammeltaxi schlugen sie sich innerhalb eines Tages an die irakische Grenze durch. Am Übergang Abu Kamal warteten nach Nadims Schätzung schon 400 Männer aus allen Winkeln der arabischen Welt: Genau wie Nadim waren es Freiwillige im Kampf gegen die USA. Auf irakischer Seite standen Busse bereit, die Nadim und die anderen auf die Moscheen der Grenzstadt Kaem verteilten.
Schon in den zu Sammelunterkünften umfunktionierten Gotteshäusern erkannten Nadim und seine Gefährten, was Hauptbestandteil ihres irakischen Abenteuers werden würde: zu warten. "Die Leute von der Baath-Partei wussten einfach nicht, was sie mit uns anfangen sollen."
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