Von Christof Moser, Bern
Die Schweiz zehn Tage vor der Wahl: Ein Land versteht sich selbst nicht mehr. Und was für die Schweizer fast noch schlimmer ist: Die Welt schaut dabei zu.
Das Image der Schweiz - es steht auf dem Spiel. Und die Schweizer wären nicht die Schweizer, könnten sie ihr Image nicht auf den Franken genau beziffern: Jeder zweite Franken wird im Ausland verdient. Stabilität, Qualität und Verlässlichkeit gehören nicht nur zu den identitätsstiftenden Grundpfeilern des Landes, dieser Ruf wird auch in alle Welt exportiert: die Schweiz als sicherer Hort für Geld, als Traumdestination für Touristen, als zuverlässiger Werkplatz für Uhren, Maschinen, Medikamente. Dass jetzt ausgerechnet die isolationistische SVP die Bilder der Gewalt aus der Hauptstadt in ihre jüngste Kampagne einbauen kann, ist der vorerst letzte Triumph der Partei: Wer gegen uns ist, der schadet dem Land.
Vergessen sind angesichts der Gewaltszenen, die um die Welt gegangen sind, die negativen Schlagzeilen über die rassistisch-gefärbten Kampagnen der SVP in der Auslandpresse.
So zerrissen wie das Land
Es ist paradox: Die Schweizer sind Globalisierungsgewinnler, die Schweiz gehört zu den wenigen industrialisierten Ländern, die mehr Güter nach China exportieren als von dort importieren. Zugleich fühlt sich ein wachsender Teil der Bevölkerung, deren Selbstverständnis als Staatsbürger einer Willensnation auf einem "Wir gegen alle anderen"-Mythos von Schiller'scher Dimension fußt, von der Globalisierung erdrückt. Deutsche Radiomoderatoren, amerikanische Firmenchefs, 1,5 Millionen Ausländer im Land und die gute alte Schweiz als Touristenkulisse und Schnellimbiss-Folklore: "Schwiizer Wuche", Schweizer Wochen - so wirbt McDonald's für seine Burger mit Emmentaler.
Das Paradox der Schweiz ist auch das Paradox der SVP. Ihre innere Zerrissenheit macht sie zur schweizerischsten der Schweizer Parteien. Der neoliberale Flügel, dem auch Blocher angehört, bevor aus dem globalisierten Manager ein Bundesrat wurde, wird von Wirtschaftsführern und Bankern bis hinauf zu UBS-Chef Marcel Ospel diskret unterstützt. Die Neoliberalen in der Partei kämpfen dafür, dem entfesselten Kapital in der Schweiz eine Heimat zu bieten, sie kämpfen für das Bankgeheimnis, für die Pauschalbesteuerung von reichen Ausländern und bringt die Senkung der Gewinnsteuer für Firmen durchs Parlament. Der konservative Flügel weiß die Unsicherheiten und Ängste, die Globalisierung und Deregulierung vorwiegend bei der ländlichen Bevölkerung auslösen, in Wählerstimmen umzuwandeln.
Die SVP ist ein politisches Perpetuum mobile. Was immer seine Gegner tun: Blocher und seine SVP legen alle aufs Schweizerkreuz.
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