Von Marc Pitzke, New York
Der Popularität von "Eine unbequeme Wahrheit" tut so was keinen Abbruch. Auch nicht, dass ein britisches Gericht der Umwelt-Dokumentation, mit der Gore seit einem Jahr um die Welt tingelt, jetzt Sachfehler attestiert hat. "Gores unbequemes Urteil", spottete die Londoner "Times". Den Heiligenschein, den seine Jünger sehen, wird das kaum trüben.
Diese Jünger, das sind aber auch längst nicht mehr nur jene ewig vergrätzten Demokraten-Truppen, die schon in Florida an seiner Seite standen, als seine Präsidentenhoffnungen im Auszählungsdrama von Palm Beach und dann vor dem Supreme Court erstarben. "Die gestohlene Wahl", raunen sie noch heute. Gore zog sich waidwund zurück, ließ sich einen Bart wachsen und begann seine Reinkarnation.
Im Frühsommer 2006 kehrte er zurück, rasiert, abgespeckt und "Eine unbequeme Wahrheit" im Gepäck. Statt um Wähler kämpfte er nun um den "planetarischen Ernstfall" - Kreuzzug und Psychotherapie in einem.
Denn es war ein anderer, lockerer, lustiger Gore, der einem da plötzlich entgegensprang: "Hallo, ich bin Al Gore", war seine Grußformel. "Ich war mal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten." Er verkaufte Stadien schneller aus als Madonna. Und eroberte sich damit ein ganz neues, viel breiteres Publikum.
Gore wurde zum Hoffnungsträger einer Gesellschaft, die die Nase voll hatte. Er schaffte, was sonst nur emeritierten Staatsoberhäuptern gelingt: Er entwuchs der Politik und wurde zum metapolitischen Rockstar.
Hollywood sprang auf den Klima-Zug auf. Die Glamour-Medien umgarnten ihn als Coverboy. Die globalvernetzten Facebook-Kids verlinkten ihn tausendfach als "friend". Dann gab er sogar noch ein inoffizielles Wahlprogramm heraus - sein jüngstes Buch "Angriff auf die Vernunft", eine Abrechnung mit dem System, an dem er scheiterte, mit US-Präsident George W. Bush und mit der eigenen, ideenlosen, saftlosen Partei: "Amerikas Demokratie ist in Gefahr."
Kein Wunder, dass sie sich in diesem faden Wahlkampf nach einer Stimme wie seiner zurücksehnen, unverdorben von Loyalitäten, Lobbyistenschuld und Spin-Doctor-Massage. "Run, Al, run", titelte "Rolling Stone", die Bibel der MTV-Nachwuchswähler. 136.000 Menschen unterschrieben eine Online-Petition für seine Kandidatur. Da konnte seine Sprecherin Kalee Kreider noch so oft abwinken: "Er hat keine Pläne oder Intentionen zu kandidieren."
Keine Pläne, keine Lust - und weder Geld noch die nötige Logistik, um Erzrivalin Hillary Clinton aus dem Spitzenreiter-Sattel zu kippen, nur drei Monate vor den ersten Vorwahlen. In parteiinternen Umfragen dümpelt Gore auf Platz vier, hinter Clinton, Barack Obama und John Edwards. Doch den Underdog zu spielen, dazu ist er längst von zu großer Statur.
So wird er es wohl beim Friedensnobelpreis belassen. Immerhin, er ist der einzige in der noblen Riege, der einen Oscar und einen Emmy hat. Jimmy Carter hat einen Grammy (für sein Audio-Buch "Unsere gefährdeten Werte"), Nelson Mandela hat einen nach ihm benannten Santana-Song. Gore hat eine Fangemeinde, die alle Alters-, Geschlechts- und Länderschranken sprengt. Er ist ein globaler Crossover-Hit. Der ideale Kandidat - doch wofür?
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