Von Gabor Steingart, Washington
Seine stärkste Wirkung aber entfaltet der Al-Gore-Faktor jenseits der Parteipolitik. Sie reicht bis tief hinein in die verunsicherte amerikanische Mittelschicht. Deren Lebensmodell, das ist die eigentliche Botschaft dieser Preisvergabe, ist nicht nachhaltig. Das Kernland des Kapitalismus lebt in so augenfälliger Weise auf Kosten seiner Zukunft, dass der Direktor des Deutschen Historischen Museums überlegen sollte, ob er nicht die grünen Wahlplakate der achtziger Jahre als Leihgabe nach Washington überstellt: "Wir haben die Welt von unseren Kindern nur geborgt", steht da zu lesen.
Amerika aber konsumiert, als habe man die Zukunft den Enkeln abgekauft. Der Energieverbrauch ist anhaltend hoch. Auf den Straßen bewegt sich eine Armada von Trucks, Vans und Großraumfahrzeugen aller Art. Die Straßenbeleuchtung brennt oft auch am Tage. Bei laufender Klimaanlage sind allerorten die Fenster geöffnet. Das Ergebnis: Die Amerikaner, also rund fünf Prozent der Menschheit, verbrauchen mehr als 20 Prozent des Weltenergiebedarfs.
Amerika wird sich ändern müssen
In der Volkswirtschaft der gleiche Zukunftsverzehr. Das amerikanische Wirtschaftswunder, das immer noch hohe Wachstumsraten und in diesen Tage wieder eine Zunahme von Arbeitsplätzen vorweisen kann, wird mit Leihgeld erzeugt. Die Privathaushalte wetteifern dabei mit dem Staat um den Titel als größter Schuldenmacher. Die Sparquote, also der Anteil des Einkommens der für später zurückgelegt wird, ist auf null gesunken. Zum Vergleich: Die Deutschen legen 11 Prozent, die Chinesen 45 Prozent ihres Monatseinkommens zurück.
Staat und Gesellschaft unternehmen keinerlei Anstrengungen, das entstandene Handelsbilanzdefizit wieder zu schließen. Amerika konsumiert Importware auf Teufel komm raus, ohne der Welt im Gegenzug Exportgüter zur Verfügung zu stellen. Die amerikanischen Haushalte sehen heute aus wie ein Außenlager der chinesischen Exportindustrie. Der Staat ist gezwungen, mit immer neuen Dollaranleihen die großen Lieferländer ruhigzustellen. Aus dem weltgrößten Kreditgeber ist der weltgrößte Kreditnehmer geworden. Früher besaß Amerika ein Stück von der Welt. Heute besitzt die Welt ein ständig größer werdendes Stück von Amerika.
In jüngsten Umfragen beurteilten erstmals mehr Menschen (35 Prozent) die Zukunftsaussichten des eigenen Landes negativ, derweil nur noch 30 Prozent Positives erwarten. Der Rest ist unentschieden. Diese Verunsicherung ist der Nährboden für einen politischen Wechsel wie Gore ihn will. Seine Fundamentalkritik entspricht den derzeitigen Abstiegsängsten der Mittelschicht. Er thematisiert das Unwohlsein mit einem Land, das von sich selbst Größeres erwartet. "Unser Immunsystem funktioniert nicht mehr wie früher", schreibt Gore in seinem jüngsten Buch "Angriff auf die Vernunft".
Einem Mann mit diesem Dampf ist alles zuzutrauen, auch die erneute Bewerbung als Präsidentschaftskandidat. Zumal sich die Schmach der knappen Niederlage nur auf diese Art sühnen ließe. Über Monate wird Gore nun zum Schatten von Hillary Clinton. Doch erst wenn ihre Kampagne zusammenbrechen sollte, kann Gore in den Ring steigen. Gegen die Frau des Ex-Chefs kann er ohne triftige Gründe nicht antreten.
Die demokratische Partei verlangt von ihren Spitzenpolitikern Harmonie - und nicht ein Blutbad innerhalb des Clinton-Clans. Al Gore selbst dementiert Präsidentschaftsabsichten – und hält sich zugleich alles offen. Er wolle für den Wechsel arbeiten, sagt er. Seine Berater ergänzen augenzwinkernd: "Never say no."
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