Islamabad/Dubai – Noch ist nicht ganz klar, wann Benazir Bhutto morgen in der pakistanischen Stadt Karatschi landen wird. Erwartet wird sie entweder im 11-Uhr-Flug oder im 13-Uhr-Flug. Bei einer Pressekonferenz in Dubai kommentierte die Vorsitzende der größten Oppositionspartei ihre Rückkehr, dies sei der Tag, auf den sie und alle Demokratie liebenden Pakistaner gewartet hätten. Bhutto will mit ihrer Pakistanischen Volkspartei PPP in den Wahlkampf für die Parlamentswahlen Anfang Januar ziehen.
Es wird damit gerechnet, dass es nach den Wahlen zu einer Vereinbarung Bhuttos mit Präsident Pervez Musharraf kommen wird. Musharraf hatte jüngst die von der Opposition weitgehend boykottierte Präsidentenwahl für sich entschieden.
Bhutto kehrt zum zweiten Mal aus dem Exil in ihre aufgewühlte Heimat zurück. Auf einen erneuten Empfang mit Rosenblüten darf sie allerdings nicht hoffen. Nicht nur die Korruptionsvorwürfe aus ihren Regierungszeiten in den achtziger und neunziger Jahren haften der Tochter einer Grundbesitzerdynastie an. Auch ihre mehr oder weniger geheimen Verhandlungen mit Pakistans ungeliebtem Militärmachthaber Musharraf haben ihren Ruf als aufrechte Streiterin für die Demokratie angekratzt. Die Zeiten, als sie als erste demokratisch gewählte, weibliche Regierungschefin eines islamischen Landes auftrumpfte, sind vorbei.
Die Aura der Oppositionskämpferin hat sich aufgelöst
"Ich habe mein Leben nicht bestimmt, es hat mich bestimmt", schreibt die heute 54-Jährige in ihrer Autobiografie "Tochter der Macht". In Wirklichkeit hat die Politikerin stets ihr Schicksal in die Hand genommen und mit Willensstärke zäh ihren Weg gemacht. Jüngstes Beispiel sind ihre Verhandlungen mit Musharraf. Aus dem Exil in London und Dubai rang sie dem General eine Amnestie für die Korruptionsvorwürfe aus ihren Amtszeiten 1988 bis 1990 und 1993 bis 1996 ab. Der Deal soll eine Machtteilung ermöglichen, die Musharraf unbeschadet im Amt des Staatschefs lässt und Bhutto eine neue Amtszeit als Premierministerin beschert.
Doch die Einigung hängt am seidenen Faden, solange der Oberste Gerichtshof weder über die Rechtmäßigkeit von Musharrafs überhasteter Wiederwahl vor den im Januar anstehenden Parlamentswahlen noch über die Legalität der eigens für Bhutto unterzeichneten Amnestie entschieden hat. Die Aura der Oppositionskämpferin ist Bhutto damit abhanden gekommen. Doch sie zeigt auch hier ihre Härte und Risikobereitschaft: Trotz eines Aufrufs der Regierung in Islamabad, sie solle ihre Rückkehr verschieben, hält sie an dem Termin fest.
Elemente eines "Déjà vu" sind nicht zu leugnen: 1986 kehrte Bhutto nach zwei Jahren im Ausland nach Lahore zurück. Millionen empfingen sie und bestreuten ihren Weg mit Rosenblüten. Die 160 Millionen Pakistaner litten damals unter der Militärherrschaft von Zia ul Haq, der Bhuttos Vater, Premierminister Zulfiqar Ali Bhutto, 1979 hatte hängen lassen. Fünf Jahre lang standen Benazir und ihre Familie unter Hausarrest, erst 1984 ließ Zia ul Haq sie ausreisen - und schon zwei Jahre später war sie zurück. Bhuttos Chance kam, als der Militärdiktator 1988 bei einem nie geklärten Flugzeugabsturz ums Leben kam - sie gewann die Parlamentswahlen und wurde mit 35 Jahren Premierministerin.
Glanz und Gloria, doch kein Glück
Damals war sie auch international fast ein Popstar. Die Promi-Zeitung "People Magazine" führte sie auf ihrer Liste der "50 schönsten Menschen der Welt" - und 1990 brachte sie als eine der wenigen im Amt der Regierungschefin ein Kind zur Welt. Doch Glanz und Gloria brachten ihrer Regierung kein Glück. Noch 1990 wurde sie wegen Korruptionsvorwürfen entlassen und ihr ewiger Rivale Nawaz Sharif zum Premierminister berufen. Nach ihrer Wiederwahl 1993 wurde sie drei Jahre später erneut wegen Korruptionsvorwürfen gefeuert.
Trotz Ermittlungen wegen Korruption muss Bhutto nicht damit rechnen, dass sie bei der Einreise von den Behörden behelligt wird - im Unterschied zu Sharif, der unmittelbar nach seiner Rückkehr am 10. September wieder abgeschoben wurde.
"In Pakistan geboren, ist mein Leben ein Spiegel von Aufruhr, Tragödien und Triumphen des Landes", schreibt Bhutto in ihren Memoiren. Übertrieben ist das nicht: Bhutto ist das älteste von vier Kindern, ihr Vater war ein westlich orientierter Politiker, ihre Mutter eine schiitische Iranerin. Zwei ihrer Brüder starben eines gewaltsamen Todes: Der eine an Vergiftung in einem südfranzösischen Appartement, der andere wurde bei Unruhen in Karachi erschossen. Ihr Mann Asif Ali Zardari, dem ebenfalls Bestechlichkeit vorgeworfen wurde, war von 1996 bis 2004 in Pakistan in Haft. Auch ihr selbst droht Gefahr, wollen radikale Islamisten sie doch wegen ihrer Nähe zu den USA am liebsten gleich bei ihrer Rückkehr in die Luft sprengen.
Oberstes Gericht in Pakistan prüft Wahl Musharrafs
Begleitet von Demonstrationen der Opposition hat das Oberste Gericht von Pakistan über eine Klage gegen die Wiederwahl von Präsident Musharraf verhandelt. Die Wahl im Parlament vom 6. Oktober ist nur gültig, wenn sie von den Richtern bestätigt wird.
Die Gegner Musharrafs begründeten ihre Klage damit, dass der Präsident nicht von einem scheidenden Parlament gewählt werden könne. Sowohl die bisherige Amtszeit des Präsidenten als auch die der Abgeordneten endet am 15. November. Die Kläger machen geltend, dass nur das neugewählte Parlament zur Wahl des Präsidenten berechtigt sei. Die Abstimmung am 6. Oktober wurde von der Opposition boykottiert, so dass Musharraf eine deutliche Mehrheit seiner Parteigänger unter den Bundes- und Provinzabgeordneten erhielt.
In zwei getrennten Demonstrationen marschierten heute Anhänger des gestürzten Ministerpräsidenten Nawaz Sharif und des Oppositionspolitikers Imran Khan zum Gerichtsgebäude. Sie riefen in Sprechchören Parolen wie "Musharraf ist Amerikas Schoßhund".
asc/Reuters/AFP/AP
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