• Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.10.2007
 

Entführungsdrama in Afghanistan

Ex-Geisel Blechschmidt widerspricht Bundesregierung

Von Matthias Gebauer und Holger Stark

Erstmals werden brisante Details zur Geiselkrise um Rudolf Blechschmidt in Afghanistan bekannt. Entgegen der Linie des Krisenstabs beschreibt er seine Kidnapper als radikale Taliban - deutsche Zugeständnisse an die Entführer erscheinen nun heikler denn je.

Berlin - Als Rudolf Blechschmidt am Abend des 10. Oktober in Kabul angekommen war, wollte er gern mit den deutschen Behörden über seine Geiselhaft reden. Sehr gern sogar.

Blechschmidt: Wer sind die Entführer wirklich?
Zur Großansicht
REUTERS

Blechschmidt: Wer sind die Entführer wirklich?

Kurz nach einem Telefonat mit seiner Familie setzte sich der 62-jährige Ingenieur aus Ottobrunn bei München gemeinsam mit den Beamten des Bundeskriminalamtes (BKA) aus dem Krisenstab und einigen Diplomaten am langen Holztisch in der Residenz der deutschen Vertretung zusammen. Nach 84 Tagen Entführungsdrama in Afghanistans Bergen war er richtig froh, wieder Deutsch mit jemandem sprechen zu können - so kam es jedenfalls den BKA-Beamten vor.

Was Blechschmidt an dem Abend bei Spaghetti und Dosenbier sagte und später in weiteren Gesprächen mit dem BKA ergänzte, birgt für die Bundesregierung politischen Sprengstoff. Denn er bezeichnet die Entführer um Kommandeur Nissam Udin explizit als radikale Taliban - entgegen allen Beteuerungen des Krisenstabs, es habe sich um lokale Kriminelle mit losen Verbindungen zu den radikalen Islamisten gehandelt.

Blechschmidt zufolge hatten die Kidnapper sogar Kontakt zum Hardcore-Flügel der Taliban - zumindest telefonisch. Seine Erinnerungen an die Geiselhaft zeichnen ein Bild von jungen, radikalisierten Afghanen, die kaum mehr als Kriminelle einzustufen sind.

Sie waren gut informiert. In abendlichen Gesprächen verurteilten sie explizit den deutschen Tornado-Einsatz in Afghanistan: Er mache die Bundeswehr jetzt "wie die USA" zum Feind der Afghanen. Von Haschisch berauscht, stellten die Männer sich selbst als Gotteskrieger dar, denen Afghanistan gehöre und die mit Gottes Hilfe 2009 den Sturm auf die Hauptstadt Kabul wagen könnten.

Schritt über die rote Linie

Die Aussagen, die in Berlin vorliegen, treffen den Krisenstab und die politisch Verantwortlichen bis ins Kanzleramt an einem neuralgischen Punkt. Zwar gibt es für Entführungen keine offiziellen Leitlinien. Ein grober Grundsatz aber lautet, grundsätzlich nicht mit politischen Geiselnehmern zu verhandeln - getreu der öffentlichen Leitlinie der Kanzlerin, Deutschland sei "nicht erpressbar".

Eine gewöhnliche Geiselnahme mit der Übergabe eines Koffers zu beenden, in dem ein paar Hunderttausend Dollar sind, gilt als notwendiges Übel. Man spricht nicht darüber, nimmt es aber in Kauf. Massive Zugeständnisse an politische Kriminelle dagegen verboten sich bisher - zumal die Entführer mit dem Geld neue Aktionen und Attacken finanzieren könnten, auch gegen die Bundeswehr. Solche Deals mögen zur Freilassung von deutschen Staatsbürgern führen, doch sie würden jene rote Linie überschreiten, die sich infolge der Geiselnahmen der vergangenen Jahre herausgebildet hat.

Die Brisanz von Blechschmidts Schilderungen ist dem Krisenstab bewusst. Intern haben sie schon zu einer vorsichtigen Neubewertung des Falls geführt: "Wir haben uns bis zum Ende ein Bild gemacht, das zu positiv war - vielleicht sogar naiv", sagt ein Beamter, der die Arbeit des Krisenstabs intensiv begleitet hat. Jetzt, fast drei Wochen nach dem glücklichen Ende der Entführung, kommt man zu einer ernüchternden Analyse: Man müsse sich damit abfinden, dass man sich in der Einschätzung geirrt habe.

"Freizeit-Taliban aus Kabul"

Blechschmidts Aussagen lassen weitreichende Schlüsse zu. Die Ex-Geisel berichtete im Detail, dass zur Entführer-Gruppe immer wieder neue Personen gestoßen sei. Bei seinen Bewachern habe es nur einen kleinen Kern gegeben. Unter den dubiosen Gästen im Berg-Camp seien auch zwei Pakistaner gewesen. Obwohl der Ingenieur keine Details über sie weiß, beunruhight diese Aussage die Behörden. Pakistan gilt als Zufluchtsort der politischen Taliban-Granden wie Mullah Omar und Sitz der mächtigen Quetta-Shura.

Geradezu bedrohlich wirkt Blechschmidts Beschreibung zweier junger Männer, die für einige Tage im Berg-Camp waren. Der Ingenieur meint ausgemacht zu haben, dass es sich bei ihnen um Selbstmordattentäter handelte. Sie hätten sich für einen Anschlag in Kabul vorbereitet. Falls die Geiselnehmer tatsächlich Terroristen beherbergten, wäre dies ein deutlicher Hinweis auf ihre politische Radikalität.

Blechschmidt berichtete außerdem von "Freizeit-Taliban aus Kabul", die nur einige Tage blieben. Zu dieser Gruppe soll auch ein Medizinstudent gehört haben, der später bei der gescheiterten Geldübergabe in Kabul eingesetzt wurde. Dass die Entführer Personen einladen und in das Gebiet schleusen konnten, zeugt für Experten von einem hohen Organisationsgrad. Lokale Kriminelle wären dazu gar nicht in der Lage gewesen.

Offiziell werden die neuen Details nicht kommentiert, wie alle Einzelheiten der Geiselnahme. Behördenvertreter und Politiker sind froh, dass das Drama vorbei ist. Niemand wünscht sich eine Debatte über Lösegeld, die Arbeit des Krisenstabs und der Behörden. Dass sie trotzdem noch folgen kann, ist klar. Denn ein Wochenmagazin und eine Fernseh-Talkrunde haben sich die Exklusivrechte an Blechschmidts Geschichte gesichert - Mitte dieser Woche wird dort ganz öffentlich zu sehen sein, was die Ex-Geisel zu sagen hat.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP