Aus Istanbul berichtet Maximilian Popp
Istanbul - "Schau mich an! Schau, was dieses Land aus mir gemacht hat." Murat, Türke, Kurde, Vater von sieben Kindern und einem toten Sohn, zeigt auf seine linke Hand, sie zittert. "Ich habe Angst, nicht um mein Leben, aber um das Leben meiner Kinder."
Die Stimmung in der Türkei ist gereizt. Die PKK hat mit ihren Anschlägen das Verhältnis zwischen Türken und Kurden vergiftet, das sich in den vergangenen Jahren langsam zu bessern begann. Die Wut der Menschen in der Türkei richtet sich nicht nur gegen die PKK, sie richtet sich zunehmend auch gegen die Kurden.
Die Regierung von Premierminister Recep Tayyip Erdogan ist sichtlich um Deeskalation bemüht. Mehrmals rief Erdogan Medien und Bürger in den vergangenen Tagen zu Ruhe und Besonnenheit auf.
Doch der Frieden ist brüchig. Am Sonntag vor einer Woche hielt die Polizei eine Gruppe gewaltbereiter Demonstranten davon ab, ins Istanbuler Kurden-Viertel Talabasi einzudringen. In Anatolien kam es nach Berichten der "New York Times" zu Angriffen auf die Büros kurdischer Politiker.
"Wir bekommen den Ärger ab, den die PKK im Osten verursacht", sagt Murat. Er wohnt mit seiner Frau, den sieben Kindern, zwei Schwestern, zwei Brüdern und der Frau eines Bruders in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Talabasi. Von den Wänden bröckelt der Putz, Kabel quellen aus der Verteilerdose. Die Türen der Wohnhäuser sind aus den Angeln gerissen, ihre Fenster mit Brettern vernagelt. In den Gassen spielen Kinder mit Hundekot und Kieselsteinen. Sie kratzen den Kalk von den Wänden und stopfen sich den Mund voll.
"Verhindert diesen Krieg!"
Erkan, ein Reisverkäufer aus Tarlabasi, zeigt auf Schrammen in seinem Gesicht und an den Armen. Er sagt, er sei auf der Straße von einer Gruppe junger Männer verprügelt worden. Er vermutet, dass es Anhänger der "Grauen Wölfe" waren, einer rechtsradikalen Jugendorganisation, aber sicher wisse er es nicht. Warum ging er nicht zur Polizei? "Was soll die schon tun!" Erkans Kollege Emra beklagt, mehrfach beschimpft und mit Steinen beworfen worden zu sein.
Murat sagt, er habe beobachtet, wie nachts rechtsradikale Jugendliche durch die Straßen zogen, Autos in Brand setzten und Fensterscheiben einschlugen. Die Polizei bestätigt, dass es zu Zwischenfällen gekommen ist. "Allerdings nicht dramatisch, nichts, was wir nicht kontrollieren könnten", sagt ein Beamter. Man sei "in erhöhter Alarmbereitschaft."
"Es sind wenige Ultranationalisten, die die ohnehin angespannte Stimmung zusätzlich aufheizen", sagt Dursun Tüyloglu, Politik-Dozent an der Istanbul Bilig University. Noch sind es Einzelfälle offener Feindseligkeit, doch die Menschen in Talabasi fürchten, dass im Falle eines Krieges die Spannungen zwischen Türken und Kurden weiter zunehmen. "Ihr seid doch Europäer!", ruft Akün, Murats älteste Tochter. "Verhindert diesen Krieg!"
Murat ist in einem kurdischen Dorf an der Grenze zu Syrien aufgewachsen. Als PKK-Kämpfer das Dorf besetzten, musste er fliehen. Sein Sohn starb bei einem Unfall. Dennoch würde Murat die PKK niemals offen kritisieren, nicht aus Sympathie, sondern aus Angst.
Müde statt wütend
In Istanbul hoffte Murat auf ein besseres Leben, doch er wurde enttäuscht, wie so viele Kurden. Der Besitzer des Restaurants, in dem er arbeitete, wollte ihm keinen Lohn zahlen. "Du bist Kurde, du verdienst kein Geld", sagte er. Murat verdingte sich als Wasserträger, bis die Rückenschmerzen unerträglich wurden. Jetzt verkauft er Nüsse und Unterhosen auf der Straße.
"Die PKK hat uns aus unseren Dörfern vertrieben - aber in Istanbul werden wir als PKK-Terroristen beschimpft", sagt Murat, wütend sieht er dabei nicht aus, nur müde, als hätte er seit Jahren nicht geschlafen.
Selten sei die Lage für Kurden in der Türkei so problematisch gewesen wie in diesen Tagen, sagt Erhan Altan. Im Fernsehen seien jeden Tag Begräbnisse türkischer Soldaten zu sehen. "Da fällt es den Menschen schwer zu unterscheiden: zwischen Kurden und kurdischen Terroristen."
Altan ist selbst Kurde. Er arbeitet für eine internationale Organisation in Istanbul. Altan sagt, seine Karriere sei nur bei einer ausländischen Organisation möglich gewesen. Als Kurde sei es in der Türkei schwer, vernünftige Arbeit zu finden. "Das ganze Land spricht vom Terror, aber niemand fragt nach den Gründen. Warum schließen sich junge Männer den Verbrechern der PKK an?" Altan formt die Hände zu einem Revolver. "Weil sie für sich keine andere Chance sehen."
Tatsächlich hinken die Kurdengebiete dem Rest des Landes wirtschaftlich weit hinterher. Und doch hat die Regierung von Premier Erdogan in den vergangenen Jahren begonnen, die Region zu fördern. Das Ergebnis: Bei der Parlamentswahl im Juli haben mehr als die Hälfte der Kurden für die Regierungspartei AKP gestimmt.
Die PKK, die seit Jahrzehnten für ein unabhängiges Kurdistan kämpft, verliert an Boden. "Der PKK läuft die türkische Basis davon, und das weiß sie", sagt Politologe Tüyloglu. "Deshalb bomben sie sich zurück ins Rampenlicht." Ihre Strategie scheint aufzugehen: Das Misstrauen zwischen Türken und Kurden wächst, eine friedliche Lösung des Konfliktes ist in weite Ferne gerückt.
"Erdogan ist ein Getriebener", sagt Erhan Altan. Er wolle diesen Krieg nicht, aber die Massen fordern ihn. "Gibt Erdogan nach, fürchte ich das Schlimmste für unser Land." Altan legt die Stirn in Falten. "Dann explodiert der Hass." Selbst ein Bürgerkrieg sei dann nicht mehr ausgeschlossen.
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