Aus Ho-Tschi-minh-Stadt berichtet Erich Follath
Ho-Tschi-minh-Stadt - Es ist Freitagnacht in Ho-Tschi-minh-Stadt, das in der Umgangssprache längst wieder Saigon genannt wird. Zeit, um die wichtigen Fragen des Lebens zu klären. Und die heißen in der Sozialistischen Republik Vietnam: Wie werde ich reich, wie werde ich schön, wie werde ich ein Star?
Manche schaffen das, noch bevor der Morgen anbricht. Nichts ist unmöglich. Man muss nur wissen, wo man eine Chance bekommt - und sie dann zielstrebig nutzen. Es gilt, das Schicksal in die eigene Hand nehmen, so wie es die Generation der Väter getan hat. Jene Vietcong-Kämpfer, die vor gut 32 Jahren ihre Schlacht, eine ganz andere Schlacht, unbeirrt und deshalb erfolgreich geschlagen haben.
An der Dong Koi, der "Straße des Generalaufstands", links abbiegen, dann zweimal rechts, dann die dunkle enge Seitengasse entlang: Hier liegt das Internet-Café "Zum großen Glück", hier winkt der Reichtum. Einige Videogame-Krieger plagen sich mit fauchenden Drachen herum, die nach Treffern im Staub versinken - mitleidig belächelt von den Jugendlichen, die sich als "Profis" bezeichnen. Auch sie spielen. Aber an der Börse. Sie kaufen und verkaufen Aktien von anderen Investoren, unter Tarnnamen wie "warrenbuffet99" oder "wallstreetsaigon". Sie handeln mit Millionenbeträgen in Dong; und auch wenn dies umgerechnet nur einige tausend Euro sein mögen: In Vietnam ist das viel Geld.
Der OTC-Markt ("Over-the-Counter") kennt keine offiziellen Broker, keine Lizenzen, es ist ein Schwarzmarkt der Geheimtipps, gern gehandelt werden auch gerade erst privatisierte oder gegründete Firmen. Gedealt wird mit großem Risiko und noch mehr Chancen. Um 144 Prozent stieg Vietnams offizielle Börse im vergangenen Jahr, das Plus 2007 beträgt bisher rund 50 Prozent.
Niedergemacht vom Viet-Bohlen
Vorbild der Spieler ist Vietnams reichster Mann, den der Online-Nachrichtendienst "VNExpress" in seiner jetzt zum ersten Mal veröffentlichten Liste der Top-100-Vietnamesen dem breiten Publikum vorgestellt hat. Truong Gia Binh heißt der Viet-King, reich geworden durch Aktienoptionen seiner Telekommunikationsfirma.
Im vornehmen Caravelle Hotel gegenüber der Oper und unweit des legendären "Continental", wo früher die Vietnamkriegsreporter tranken, die Diplomaten Hof hielten und die Agenten aller Couleur ihre Informationen streuten, geht es heute weniger ums Geld - hier ist die Abteilung Glamour angesiedelt, die Operation zum schnellen Ruhm.
Der Aufstieg und Fall eines TV-Stars prägt in diesen Tagen die Diskussionen der vietnamesischen Jugendlichen. Hoang Thuy Linh, 19, schien das geschafft zu haben, wovon hier so viele träumen: Sie war Heldin einer Seifenoper, der beliebten Herzschmerz-Vorabendsendung "Vang An’s Tagebücher", Idol vieler Teenies von Hanoi über Hue bis Ho-Tschi-minh-Stadt.
B-52 trinken im "Apocalypse Now"
Dann tauchte bei YouTube ein ziemlich freizügiger Clip mit der hübschen Schwarzhaarigen auf, von anonymer Quelle eingespeist. Das war zu viel für die Parteizensoren: Sie glaubten, nun ein Exempel statuieren zu müssen. Die Sendung wurde abgesetzt, die Darstellerin musste sich bei ihren Fans tränenreich für ihre "Entgleisung" entschuldigen. Welche Entgleisung, fragten sich alle, die den Clip noch nicht kannten. Und nun wandert er von Handy zu Handy, inzwischen viel weiter verbreitet als vor der Intervention der KP.
Die Herren aus dem Politbüro und ihre Verfügungen - sie interessieren kaum einen der vietnamesischen Jugendlichen. Und die Partei lässt ihre Kinder an der langen Leine, solange sie sich nicht in aller Öffentlichkeit regimekritisch äußern oder sich zu "aufrührerischen" NGOs zusammenschließen - als gefährlich betrachtete Oppositionelle werden allerdings gerade wieder systematisch verfolgt und ins Gefängnis geworfen. Dagegen wird kapitalistischer Unternehmergeist sogar offiziell gefördert, Bill Gates gilt auch Funktionären als Vorbild (freilich erst hinter den revolutionären Volkshelden Ho Tschi-minh und General Giap).
Der Vietnamkrieg scheint einer kollektiven Amnesie verfallen. Ob in den schicken neuen Bars "MGM", "MTV" und "Gossip", ob im raueren "Apocalypse Now" mit seinen besonders zielstrebigen jungen Damen und den rauflustigen jungen Herren: My Lai, Napalm und B-52-Angriffe sind ausgeblendet - als meinten Vietnams Jugendliche, die Rückbesinnung behindere ihre Zukunftschancen. Good Morning Vietnam und B-52 heißen jetzt die Cocktails, die sie schlürfen. Sie schimmern in den eisgekühlten Gläsern giftgrün und blutrot.
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