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02.11.2007
 

Fred Thompson

Der Kandidat, der nicht recht mag

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Fred Thompson ist das Phänomen des republikanischen Vorwahlkampfs. Er liegt in Umfragen an zweiter Stelle - obwohl er keinen Hehl daraus macht, dass er kaum Lust hat auf den ganzen Zirkus. Aber abschreiben sollte man ihn nicht.

Washington - So etwas nennt man wohl ein Heimspiel. Im Ballsaal des "Mayflower Hotel" in Washington drängen sich ein paar tausend Republikaner, die einen ganzen Tag lang Ronald Reagans Erbe feierten. Jetzt soll der Mann kommen, den sie als möglichen Nachfolger ausgeguckt haben: Fred Thompson.

Er tritt auf die Bühne, fast zwei Meter groß, braun gebannt, mit tief tönendem Bass. Präsidial aussehen und klingen, das kann der 65-Jährige schon wie weiland Reagan. Und genau wie der hat er gleich einen Witz parat über die seltsamen Sitten in der Hauptstadt. "Als ich neu nach Washington kam, habe ich einen dummen Fehler gemacht", dröhnt Thompson tief. "Ich habe mal was von meinem eigenen Geld ausgegeben." Die Menge lacht, selig.

Nur: Das war's schon. Thompson redet noch zwanzig Minuten. Doch er sagt nichts mehr. Zur Wirtschaftspolitik hat er diese Erkenntnis parat: "Ich habe einen schlauen Plan. Lass uns das weitermachen, was klappt. Und bleiben lassen, was nicht klappt." Seine Gedanken zur nationalen Sicherheit klingen ähnlich ausgereift: Amerika soll lieber stark sein als schwach. Sonor hangelt sich Thompson von einer Plattitüde zur nächsten, bis am Ende selbst seine eindrucksvolle Stimme monoton klingt, als habe auch er keine rechte Lust mehr. Die Menge klatscht ernüchtert, der Kandidat winkt kurz müde in die Menge - und ist weg.

Dabei hatte er den Reportern versprochen, Fragen zu beantworten. Die stehen in Reihen vor dem Ausgang, darunter David Brooks von der "New York Times". Brooks ist einer der wenigen Konservativen bei der "Times", alle republikanischen Kandidaten buhlen um seine Gunst. "Aber Thompson mag ja nicht mit Reportern sprechen", weiß die Kamerafrau neben Brooks. Zehn Minuten wartet der "Times"-Star, 15 Minuten - er kann es kaum fassen, man sieht es ihm an. "So entspannt kann man doch als Kandidat gar nicht sein", schreit Brooks schließlich fast. Draußen fährt ein Jeep weg, Thompson auf dem Beifahrersitz. Er brauche jetzt einfach eine Pause, sagt eine Mitarbeiterin von ihm.

Thompson vor Romney und McCain

Die Kandidatur von Fred Thompson ist eine der seltsamsten Blüten dieses noch jungen amerikanischen Wahlkampfes. Der ehemalige Senator aus Tennessee und Schauspielstar in Hit-TV-Serien wie "Law and Order" galt früh als würdiger Nachfolger von Ronald Reagan - noch bevor er überhaupt seine Kandidatur im September offiziell erklärte. Weil er aus dem Süden kommt, mit gemütlichem Akzent spricht, durch und durch konservativ, aber doch charmant wirkt.

Immer noch rangiert er in vielen Umfragen nur knapp hinter Spitzenreiter Rudy Guiliani, in wichtigen Vorwahlstaaten wie South Carolina liegt er sogar vorne. Thompson hat sich mitten in die gewaltige Lücke geschoben, die im republikanischen Kandidatenfeld klafft. Neben Guiliani - von dem die meisten republikanischen Wähler noch gar nicht wissen, dass er für Abtreibung und Schwulen-Ehe ist. Vor Mitt Romney - dem ehemaligen Gouverneur von Massachusetts, der Mormone ist und dem das Stigma anhängt, alles zu versprechen, um ins Weiße Haus zu kommen. Vor John McCain, der noch vor einem Jahr als großer Favorit galt - aber durch seine störrische Unterstützung von Bushs Irakpolitik erst in den Umfragen abstürzte und dann bei den Geldgebern.

"Zu faul fürs Weiße Haus?"

Eine Menge Spielraum also für Thompson. Doch der hatte schon im Sommer Monate lang gezögert, überhaupt offiziell anzutreten. Seither hat er reihenweise so halbherzige Auftritte hingelegt, dass sich der vermeintliche Hoffnungsträger bei der letzten TV-Debatte der Kandidaten vom Moderator fragen lassen musste: "Sind Sie zu faul für das Weiße Haus?"

Und es wirkt fast, als habe Thompson mittlerweile Spaß daran, dem Klischee vom unlustigen Faulpelz zu entsprechen. Vorige Woche hatte er in Orlando die Chance, zu 3000 überzeugten Republikanern zu sprechen - doch nach knapp fünf Minuten mochte er nicht mehr und verabschiedete sich. Rudy Guiliani und Mitt Romney redeten fast eine halbe Stunde. Beim "Value Voters Summit" der religiösen Rechten in Washington - eigentlich ein weiteres Heimspiel für ihn - hält er seine Rede mit eingezogenem Kopf, belegter Stimme und so abwesend, dass sich die Zuschauer fragen, ob er krank ist. "Er hat überhaupt kein Feuer", urteilt der einflussreiche Religionsführer James Dobson entsetzt.

Die Aussicht, bald Rentner zu sein

In Florida schwärmt Thompson vor Wählern von der Aussicht, selbst bald ein Rentner zu sein - und in dem Tempo koordiniert er auch seine Auftritte. Reporter machen sich mittlerweile einen Spaß daraus, haarklein auszurechnen, wie viel Zeit er dösend in seinem klimatisierten Wahlkampfbus verbringt. Statt sechs bis sieben Reden pro Tag wie die meisten anderen Kandidaten absolviert er in der Regel zwei. New Hampshire, einen der wichtigsten Vorwahlstaaten, hat der Kandidat erst zweimal besucht. Die wichtigste Zeitung dort schrieb ihm schon pikiert: "Man muss auch herkommen, um hier gewinnen zu können." Thompson entgegnet darauf störrisch in Interviews: "Ich mach das eben auf meine Weise."

Es steckt wahrscheinlich eine Strategie dahinter. Immerhin haben auch Ronald Reagan und George W. Bush im Wahlkampf die Amerikaner als entspannte Typen bezaubert, mit denen man gerne mal ein Bier trinken gehen kann - der Gegenentwurf zu besessenen Polit-Robotern halt. Nur: Spätestens seit dem Desaster der Bush-Präsidentschaft zweifeln selbst viele Republikaner daran, ob diese Eigenschaften reichen für das wichtigste Amt der Welt.

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