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02.11.2007
 

Kinderzeichnungen aus Darfur

Gemaltes Grauen vor Gericht

Von Barbara Hans, Brüssel

Schießende Milizen, Menschen ohne Arme und Beine, überall Blut. Diese brutalen Kinderzeichnungen aus Darfur sollen, falls es zu einem Prozess kommt, Gräueltaten belegen - jetzt wurden sie den Ermittlern des Internationalen Strafgerichtshofs übergeben.

Brüssel – Vier schwarze Punkte, gemalt mit einem Wachsmalstift, könnten einen Beitrag dazu leisten, dass irgendwann Recht gesprochen wird in Saal K127 im Internationalen Gerichtshof von Den Haag. Die Punkte sind Schüsse, abgefeuert von einem arabischen Milizionär auf eine schwarze, flüchtende Familie. Die Frauen tragen Gefäße auf ihren Köpfen, der Schütze eine Tarnhose und ein Gewehr, das offensichtlich schnell schießen kann – der Zeichner hat nicht viel Platz gelassen zwischen den einzelnen schwarzen Punkten.

Mehr als 200 Bilder hat die britische Hilfsorganisation "Waging Peace" von einer ihrer Missionen in die Flüchtlingslager von Darfur mitgebracht. Eigentlich wollte Anna Smith die Kinder nur beschäftigen, während sie ihre Eltern interviewte und die Erinnerungen an das, was ihnen widerfahren war, aufzeichnete. Doch die Kinder nutzten die Wachsmalstifte, um ihrerseits von dem zu erzählen, was sie erlebt hatten. Sie zeichneten die Gräueltaten von Darfur, malten Vergewaltigungen, Plünderungen, Flugzeugangriffe, Erschießungen und Verstümmelungen. Niemand hatte sie zuvor dazu aufgefordert.

Die Bilder sind verstörende Dokumente eines Krieges, dessen Elend der Weltöffentlichkeit weitestgehend verborgen bleibt, von dem es praktisch keine Fotos gibt und keine Filmaufnahmen. "Waging Peace" hat eine Auswahl der Bilder nun an die Ermittler am Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag übergeben. Die Zeichnungen sollen die Staatsanwälte in ihrer Arbeit unterstützen. Wenn das Verfahren im eigens eingerichteten Gerichtssaal K127 eröffnet wird und es darum gehen wird, die Verantwortlichen aus dem Sudan zur Rechenschaft zu ziehen, soll nichts dem Zufall überlassen werden. Die Bilder sollen helfen, dass ihren Zeichnern irgendwann Gerechtigkeit widerfährt.

Ein Puzzlestück im Kampf um Gerechtigkeit

Rebecca Tinsley und Louise Roland-Gosselin, die beiden Leiterinnen von "Waging Peace" haben in ihrem Londoner Büro mehr als 100 besonders aussagekräftige Zeichnungen ausgewählt. Mit ihnen im Gepäck sind sie nach Den Haag gereist, um sie den Ermittlern persönlich zu übergeben. "Die Vertreter der Anklage haben uns gesagt, dass sie die Zeichnungen sehr schätzen", sagte Roland-Gosselin SPIEGEL ONLINE. "Sie wollen die Zeichnungen zu Beginn des Prozesses verwenden. Sie sollen mit anderen Beweismitteln dazu dienen, die Situation der Menschen in Darfur zu beschreiben." Die Bilder seien unter anderem ein Beleg für das Leiden der Zivilbevölkerung und den ethnischen Kern des Konflikts.

Welche Bedeutung das Gericht den Kinderzeichnungen für seine Ermittlungen genau beimisst, ist nicht zu erfahren. "Es handelt sich hier um ein laufendes Verfahren, über die Bedeutung einzelner Beweismittel können wir keine öffentliche Aussage machen", sagt eine Sprecherin des ICC SPIEGEL ONLINE. "Die Ermittlungen sind geheim."

Der ICC selbst schickt seine Mitarbeiter regelmäßig für zwei bis drei Wochen in die Feldlager. Dort führen Teams von drei bis vier Leuten Gespräche mit den Flüchtlingen, zeichnen ihre Erzählungen mit Laptops und Videokameras auf. Ein eigens entwickeltes Computerprogramm ermöglicht die Vernetzung der Unmengen an Daten, die die Ermittler im Laufe der vergangenen Jahre zusammengetragen haben.

Es ist eine mühsame Arbeit, den Völkermord im Sudan juristisch zu ahnden. Ob und wann es letztlich zu einer Verhandlung in Den Haag kommen wird, vermag derzeit niemand zu sagen. Es ist die Hoffnung, die die Juristen in den Niederlanden, fernab von den 5000 Kilometern entfernten Geschehnissen, antreibt.

Die Stimme der Hilflosen

Allerdings hätten Gloria Atiba-Davies, Chefin der Gender und Children Unit im Ermittlungsteam, und die anderen vier Mitarbeiter sich die Bilder sehr genau angeschaut und seien sehr betroffen gewesen, erzählt Roland-Gosselin. Davies war Staatsanwältin in Sierra Leone, verfolgte den Anführer einer Militärjunta, bevor der 1997 an die Macht kam – und umgehend das Haus der inzwischen Anfang 50-Jährigen abbrennen ließ. Die Vertreter der Anklage seien sehr "interessiert und offen" gewesen. "Die Zeichnungen sind authentisch, gerade weil sie von Kindern gemalt worden sind. Sie zeigen die Wahrheit, wie die Mädchen und Jungen sie erlebt haben." Im Gegensatz zu den Erwachsenen würden sie nicht absichtlich die Unwahrheit sagen.

Die Bilder sind nicht nur Belege für die Menschenrechtsverletzungen in Darfur, sondern auch für das Leid der Betroffenen in der Region, in der rund 200.000 Menschen getötet und mehr als zwei Millionen vertrieben worden sind. Kopien der Bilder haben Tinsley und Roland-Gosselin daher auch an den Leiter der Opferstiftung des ICC, André Laperrière, übergeben. "Wir werden die Bilder für unsere Arbeit verwenden, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf das Elend in Darfur zu richten und so für die Kinder einzutreten", sagt Laperrière SPIEGEL ONLINE. Die Panzer, das Blut, die brennenden Häuser und Menschen seien Ausdruck der Traumatisierung der Mädchen und Jungen und zugleich Teil ihrer Heilung. "Die Kinder haben ihrer Verzweifelung eine Stimme verliehen, sie haben das, was sie erlebt haben, auf ihre eigene Weise artikuliert. Aus psychologischer Sicht ist das sehr wichtig." Das Malen habe einen therapeutischen Effekt, helfe den Kindern dabei, das Erlebte zu verarbeiten.

Der Kanadier hat bereits in der Vergangenheit mit den Opfern von Völkermorden gearbeitet, unter anderem im Kosovo. Die Bilder, die Kinder nach solchen Erfahrungen malten, glichen sich enorm, sagt Laperrière. Gerade die Kinder hätten die Macht, die Verständigung zwischen den Menschen zu erleichtern: Weil Kinder ein gemeinsames Gut in allen Kulturen seien, weil durch sie auch den Menschen im Westen ein Auge auf das sonst so weit entfernte Afrika richten würden.

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