Das ist eine erstaunliche Leistung, aber eine, die auf einer erstaunlichen Schwäche beruht. Das heutige Moskau ist schon froh, wenn die russische Minderheit in den ehemaligen Satellitenrepubliken ordentlich behandelt wird. Die russische Armee befindet sich, nach allem was man im Westen weiß, in einem erbärmlichen Zustand. Putin ist ein Pazifist wider Willen. Und auch das nur, wenn wir den blutigen Krieg in Tschetschenien nicht mitzählen.
Die Russen werden von allen Seiten gedemütigt
Von allen Seiten wird das große Reich heute gedemütigt. Als Gegenspieler der Amerikaner tritt der Präsident Irans auf. Ein Land mit dem Bruttoinlandsprodukt etwa in der Größe des US-Bundesstaates Connecticut nimmt jene Rolle ein, die Stalin und seine Nachfahren eigentlich für Russland reserviert hatten.
Ökonomisch wird Russland von China vorgeführt. Das Nachbarland, das schon den eigenen Rohstoffhunger nicht durch eigene Ressourcen stillen kann, schießt in die Weltspitze der Wirtschaftsmächte vor. Die Chinesen drehen dabei niemandem den Hahn zu und entziehen keine Überflugrechte, sie beliefern mit Bienenfleiß ihre weltweite Kundschaft. Sie haben alle Raffinesse einer "Softpower" herausgebildet. Die Russen dagegen stampfen noch immer mit dem Stiefel auf, wenn ihnen irgendwas nicht passt.
Russland besitzt Öl und Gas, Diamanten, Kupfer oder Holz und hat bis heute auf alledem kein wirklich vorzeigbares Industrieimperium begründet. Wohl und Wehe des Landes hängt trotz Putins emsiger Sanierungsarbeit an der Höhe des Ölpreises. Der Noch-Präsident ist ein Öl- und Gasbaron, aber eben nicht der Chef eines modernen Industrielandes. Die Vielzahl dieser Schwächen macht das heutige Russland unberechenbar und damit gefährlich. Denn gegen inneren Zerfall und Demütigung von außen hilft am ehesten noch ein Schluck Größenwahn. Der beseitigt die Schmerzen nicht, aber er lindert sie.
Amerika hat sich international isoliert
Nun zu Amerika: Die Großmacht durchlebt eine ähnlich schwierige Phase wie Anfang der siebziger Jahre, als der Vietnamkrieg sein unrühmliches Ende nahm. Die Großmacht spürt, dass alles Dröhnen und Tönen vom "Kampf der Kulturen" und dem "Krieg gegen den Terror" niemanden beeindruckt, solange an den eigentlichen Kriegsfronten die Erfolge ausbleiben. Die Taliban in Afghanistan sind putzmunter. Sie bewegen sich im Volk wie die Fische im Wasser. Die Befriedung des Irak will ebenfalls nicht gelingen. International hat Amerika sich isoliert. Aus keinem noch so entlegenen Winkel der Welt empfängt Bush derzeit das Signal, dass die Welt sich mehr Amerika wünscht.
Im Inland herrscht denn auch keineswegs eine aufgekratzte Kriegsstimmung. Die Amerikaner sind trotzig, sie wollen den Krieg nicht verlieren, aber kriegslüstern sind sie nicht. Die Strategie der Aggression, der Angriff auf Verdacht, die Doktrin des preemptive strike, gelten als militärisch und politisch gescheitert. Was will man mehr? "Es war ein Krieg der Wahl, nicht ein Krieg der Notwendigkeit", sagt Schmidt zu Recht über den Irak-Feldzug. Aber nicht einmal diese Wahl hat der scheidende Präsident heute mehr. Ein weiterer Bodenkrieg ist für ihn nicht drin. Selbst die Armee ist müde. "We are overstretched", sagte kürzlich der Chief of Staff des US-Militärs. Zurzeit wird der Teilrückzug aus Bagdad eingeleitet. Der Mann im Weißen Haus knirscht mit den Zähnen, aber er holt die ersten Truppen heim. Widerwillig! Unwirsch! Aber er tut es.
Wenn Bush könnte, wie er wollte, wäre er vielleicht gefährlich. Aber er kann nicht. Das ist ja gerade der Unterschied. In der Demokratie ist der Einzelwille dem Volk verantwortlich und nicht umgekehrt. Mir jedenfalls sind engstirnige Demokraten lieber als aufgeklärte Potentaten. Am besten für das Land freilich sind aufgeklärte Demokraten - so wie Helmut Schmidt einer war und noch hoffentlich lange ist.
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