Von Simone Schlindwein, Moskau
Moskau - Unter all den bunt bemalten Matroschken am Souvenirstand neben dem Roten Platz gibt es eine, die verkauft sich derzeit besonders gut: die Steckpuppe mit dem Konterfei Wladimir Putins. Gleich fünf davon stehen zwischen dem hölzernen Spielzeug, die anderen Puppen tragen die Gesichter von Stalin, Lenin, John Lennon und Harry Potter.
"Moskau wählt für Putin": Russlands Jugend macht sich über den vom Politbüro beschworenen Präsidentenkult lustig
Mit klammen Fingern öffnet sie die Präsidenten-Matroschka. Ein kleinerer Putin blickt ihr aus dem Bauch der großen Figur entgegen. Und selbst die kleinste, erdnussgroße Figur im Innern des Puppenbauchs ist dem Präsidenten wie aus dem Gesicht geschnitten - Putin ist überall.
Die Parlamentswahl am 2. Dezember wird zum Referendum über ihn und seine politische Zukunft. Wer die Broschüre seiner Partei "Einiges Russland" auffaltet, sieht, wie der Präsident in einem erntereifen Roggenfeld steht und zuversichtlich in die Ferne blickt. "Putins Plan ist Russlands Sieg", lautet der Wahlkampfslogan der Partei. Doch wie sieht eigentlich "Putins Plan" aus?
Statt Auskunft darüber zu geben, verschickt die Parteizentrale Broschüren mit Präsidenten-Reden und auf der Webseite von "Einiges Russland" findet man kein Programm, sondern lediglich gehaltlose Phrasen: "Wir brauchen eine Mehrheit in der Duma und in der Regierung, um Putins Plan zu erfüllen", fordert der Partei-Vorsitzende Boris Gryslow. Und der Vorsitzende der Zentralen Wahlkommission Andrej Worobew preist "Putins Plan zur Schaffung einer großen russischen Zivilisation". Darüber prangt die Überschrift "Einiges Russland erfüllt Putins Plan".
Herrschaftsgarantie durch Planerfüllung
Das Motto "Planerfüllung" als Parteiprogramm erinnert an die Zeiten der Sowjetunion. Damals garantierte die Kommunistische Partei die Herrschaft ihrer Generalsekretäre - von Stalin oder Chruschtschow bis hin zu Gorbatschow - die verfassungsrechtlich kein Amt inne hatten und dennoch alle Fäden im Staat zusammenhielten.
Politologen und Journalisten spekulieren über die Zukunft Putins, dessen letzte Amtszeit als Präsident laut Verfassung im Frühjahr ausläuft. Der Kult um seine Person lässt erahnen, dass er nicht einfach von der politischen Schaubühne abtreten wird. Seine ihm ergebene Partei hat ihn bereits zum "Nationalen Führer" erkoren und legt den Grundstein zu einer Herrschaft, die keine verfassungsrechtliche Legitimation mehr braucht. Angeblich verlangt das Volk nach einem charismatischen Führer. Eine Rolle, die der amtierende Präsident in Zukunft nur allzu gerne übernehmen will.
"Für Putin" ist eine vom Kreml initiierte Massenbewegung, die den Präsidenten auffordert, weiter im Amt zu bleiben. Rund 72.000 Anhänger haben bereits auf der Webseite ihre Stimme dafür abgegeben - und es werden von Minute zu Minute mehr. Prominente und Intellektuelle wie Regisseur Nikita Michailkow und Albert Tscharkin, Präsident der Sankt Petersburger Kunstakademie, flehen Putin in einem Brief inbrünstig an, zu bleiben. Das erinnert an die Treue-Rituale vergangener Zeiten, als der "Führer" Josef Stalin mit Bittbriefen überhäuft wurde.
Einigung Russlands unter einer Vaterfigur
Verantwortlich für die neue Putin-Ideologie ist Wladislaw Surkow, Erfinder der Partei "Einiges Russland". Er greift auf alt bewährte Tricks zurück und hat dabei die Einigung des russischen Volkes unter einer Vaterfigur vor Augen. Ähnlich wie das Politbüro um Stalin in den dreißiger Jahren einen Personenkult gesponnen hat, so erdichtet heute Putins Politbüro, die Präsidialadministration und deren Vizechef Surkow den Präsidenten-Kult. Und so wie einst die Sowjet-Partei den Marxismus-Leninismus predigte, preist "Einiges Russland" heute "Putins Plan" als Weg in eine bessere Zukunft.
Folgt nun der Putinismus? Der Plan ist im Wahlkampf so allgegenwärtig, dass sogar die Opposition darauf anspringt. Die "Kommunistische Partei" wirbt mit dem Slogan "Plan des Volkes" und die "Union der Rechten Kräfte" entwarf den Spruch: "Putins Plan ist Russlands Schritt zurück". Ihre planlosen Gegenparolen wirken inhaltsleer.
Zumindest durch Wortspielereien der russischen Jugend erhält "Putins Plan" eine doppelte Bedeutung. Eine Rockgruppe aus Wladiwostok hat einen Song herausgebracht, der Refrain: "Der Präsident ist zufrieden/Er betrachtet Russland als ein Paradies/Putins Plan ist die Schlagzeile/Ist das nicht heiß?"
Der Rap parodiert und zelebriert die geistigen Verirrungen der Putin-Fans. Denn "Plan" ist das russische Slang-Wort für Marihuana. Und im Video-Clip der Band "Koreiskije LEDschikij", "Koreanische Flieger", steht Putin in einem erntereifen Cannabis-Feld und guckt bekifft in die Ferne.
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