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30.11.2007
 

US-Polit-Blogs

Wahlkampf auf Speed

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Wer nicht innerhalb von Minuten reagiert, hat schon verloren: Fast in Echtzeit berichten US-Blogger über echte und vermeintliche Ausrutscher der Präsidentschaftsbewerber. Hillary Clinton hat das System verstanden.

Washington - Auch eine mögliche US-Präsidentin bekommt mal Hunger, und deshalb war Hillary Clinton dankbar für den Stopp im "Maid Rite" in Toledo. Mitten im tiefsten Iowa mampfte sie mit ihrem Team "loose-meat sandwiches", und posierte großzügig für Fotos mit den Mitarbeitern. Nur als es ans Bezahlen ging, war die Senatorin weniger spendabel. Sie hinterließ keinen Pfennig Trinkgeld, in den USA fast ein Affront.

Bewerber Clinton und Obama: Der Weg ins Weiße Haus führt immer mehr über die Blogs
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AFP

Bewerber Clinton und Obama: Der Weg ins Weiße Haus führt immer mehr über die Blogs

Das behauptete zumindest die Serviererin Anita Easterday in einem Interview. Innerhalb weniger Stunden fand sich die Geschichte in vielen etablierten US-Medien. ABC, Washington Post, Chicago Tribune berichteten - oder vielmehr deren "Blogs". So lautstark schwoll das Internet-Geraune an, dass das Clinton-Team, ebenfalls online, eine eigene Erklärung veröffentlichte. Man habe sehr wohl 100 Dollar Trinkgeld gegeben, nur sei das wohl nicht an alle Angestellten verteilt worden. Clintons Sprecher Phil Singer sagte zu der rasanten Reaktion: "Der Medienzyklus ist mittlerweile jede Minute in Bewegung. Deshalb ist es so wichtig, falsche Geschichten in Echtzeit zu korrigieren."

Die Kontroverse zeigt vor allem, wie sehr sich die Wahlkampfberichterstattung in den USA verändert hat. Noch vor vier Jahren waren die Mauern zwischen den klassischen Medienorganisationen und dem Internet relativ stabil. Jetzt vermischen sich die Lager immer mehr - und immer schneller.

Fast jedes führende US-Medium hat für den Wahlkampf einen Blog eingerichtet, auf dem Reporter rund um die Uhr Geschichten einstellen können. Es gibt den "Caucus" der "New York Times", "Fix" und "Trail" der "Washington Post", "Top of the ticket" der "Los Angeles Times", "Swampland" von TIME, die "Note" von ABC. Das zieht Leser an: Die beiden Polit-Blogs der "Washington Post" kommen allein auf je über eine Million Besucher pro Monat.

Und sie machen News: Vor zwei Tagen überraschte die Website "Politico", die auch einen Blog enthält, die Konkurrenz mit einer aufsehenerregenden Enthüllung. Rudy Guiliani soll als verheirateter Bürgermeister von New York bei Trips zu seiner Freundin die Spesen für seine Leibwächter der Staatskasse in Rechnung gestellt haben. Ob die Vorwürfe stimmen, ist noch unklar. Doch es ist in jedem Fall ein Coup für die Seite - die ein ehemaliger Starreporter der "Washington Post" pünktlich zum Wahlkampf gegründet hat.

Auch die Bewerber und ihre Teams haben die Blogs als neues Instrument entdeckt. "Im vorigen Wahlkampf nutzten die Kampagnen das Internet vor allem fürs Spendensammeln und zur Koordinierung ihrer Anhänger. Jetzt sehen sie es durch die Polit-Blogs auch als Mittel, um die Berichterstattung in Print und Fernsehen zu beeinflussen", sagte Chris Arterton, Dekan der "Graduate School of Political Management" an der George Washington University gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Hillary Clintons Sprecher Phil Singer etwa frohlockt: "Als ich vor vier Jahren für John Kerry gearbeitet habe, waren wir noch völlig auf die Gnade der etablierten Medien angewiesen. Man musste sich ganz schön anstrengen, um dort eine Geschichte unterzubringen. Seit es die Blogs gibt, ist es viel leichter, deine Botschaft auch in angesehenen Medien an den Mann zu bringen."

Daher lesen die Kampagnenmanager die Blogs höchst sorgfältig. Wie gründlich, erfuhr im Frühjahr David Yepsen. Er ist Autor des Polit-Blogs des "Des Moines Register", der bedeutendsten Zeitung im wichtigen Vorwahlstaat Iowa. Yepsen machte sich auf seinem Blog über Hillary Clintons Gedankenspiele lustig, in Iowa gar nicht anzutreten. Zwei Stunden später klingelte sein Telefon, berichtete Yepsen der "Washington Post" - am anderen Ende die ehemalige First Lady. "Warum rufen Sie mich an, Senatorin?", fragte er. "Ich habe ihren Blog gelesen", entgegnete die - und legte ihm ausführlich dar, warum sie natürlich doch in Iowa antreten werde. "Die Teams der Kandidaten passen auf die Blogs sehr genau auf, weil es für sie ein gutes Frühwarnsystem ist, was dann in die Zeitung kommt", sagt David Yepsen.

Und natürlich wollen sie das beeinflussen - nach der Faustregel: schlechte Geschichten über mich raus, schlechte über meine Rivalen rein. Dafür checken sie das gesamte Netz, und gehen gelegentlich seltsame Allianzen ein. So wie Hillary Clinton anscheinend mit Matt Drudge, dem Schöpfer der höchst erfolgreichen Internet-Seite "The Drudge Report".

Drudge, der als strammer Republikaner gilt, enthüllte einst die Monica-Lewinsky-Affäre. Seine Webseite - kein Blog, sondern eine Sammlung von Links zu Artikeln - , gilt nach wie vor als ein Trendkompass in Washington. Ex-Bush-Guru Karl Rove konsultierte sie angeblich Dutzende Male am Tag. Während des Lewinsky-Skandals nannte Clinton Drudge noch "Teil einer rechten Verschwörung". Nun spielte sie ihm im Oktober ihre spektakulären Quartalszahlen zum Spendenaufkommen exklusiv vorab zu - rein zufällig natürlich an dem Tag, für den ihr wichtigster Rivale Barack Obama eine wegweisende Rede zur Außenpolitik angekündigt hatte. Mit Hilfe von Drudge schaffte es Clinton so, Obama fast alle Schlagzeilen zu klauen.

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