Aus Twer bei Moskau berichtet Florian Willershausen
Es ist bitterkalt am Ufer der Wolga. Minus zwölf Grad. Der Fluss ist zugefroren. Es schneit. Kein Wetter, um freiwillig auf die Straße zu gehen. In Twer, einer 450.000-Einwohner-Stadt gut 150 Kilometer nordwestlich von Moskau, sind am Sonntagmorgen trotzdem eine Menge Menschen unterwegs. Es sind Wahlen in Russland - und überraschend viele gehen hin.
Juri Michailenko, 47, Ingenieur, hat lange überlegt, ob er diesmal wirklich wählen soll. "Seit vielen Monaten ist klar, dass Putins Partei 'Einiges Russland' gewinnen wird", sagt er. "Wozu soll ich dann überhaupt mein Kreuzchen machen?" Das dachte sich auch sein Sohn Witalij, 19. Er ist zu Hause auf dem Sofa geblieben.
Juri Michailenko wählt. Aus Gewohnheit. Mit seiner Frau Tatjana, 44, und Tochter Marina, 22, reiht er sich in eine Warteschlange. In der Mittelschule Nummer 29 drängen sich mittlerweile gut 100 Wähler. "Ganz schön viel los hier", sagt der Vater und ärgert sich, dass sie nicht so schlau waren wie Oma Nina, die in aller Herrgottsfrühe hier war. Jetzt spielt eine Stereoanlage zur Unterhaltung für die Wartenden "Back in the USSR" - ein Beatles-Hit als Untermalung für Putins Wahlen.
Die Michailenkos interessieren sich nicht allzu sehr für Politik. Die Eltern sind kaufmännische Sachbearbeiter, Witalij studiert Elektrotechnik, Tochter Marina ist vor kurzem nach Moskau gezogen, arbeitet als Büroleiterin bei einem Kühlschrankhändler. Mit Babuschka Nina leben sie in einer kleinen Wohnung aus der Chruschtschow-Zeit im Zentrum, bauen aber zurzeit am Stadtrand ein kleines Haus. Der Familie geht es nicht schlecht.
Mutter Tatjana bekommt als erste ihren Stimmzettel. "Außer der Reklame von 'Einiges Russland' habe ich vom Wahlkampf nicht viel gesehen", sagt sie und vertieft sich erst mal in die Lektüre des Papiers. Vater Juri will spontan in der Wahlkabine entscheiden - nur dass er bei der parallel stattfindenden Bürgermeisterwahl dem Amtsinhaber von "Einiges Russland" seine Stimme geben will, steht schon fest. "Der hat hier gute Arbeit gemacht: Den kann ich ohne Bauchschmerzen wählen."
Opposition und Beobachter werfen dem Kreml massive Wahlmanipulation vor. Hier deutet nichts darauf hin. Auf den Stimmzetteln klebt ein Aufkleber in Nationalfarben, abgestempelt und zweimal unterschrieben - offizieller kann ein Wahlschein nicht aussehen.
Die Wahlkabine könnte eine Umkleidekabine in einem Billigkaufhaus sein. An einer rostigen Eisenstange hängt ein blauer Vorhang, der das Wahlgeheimnis schützt, einige Wähler ziehen ihn nicht mal zu. Wer will, kann sehen, dass sie ihr Kreuzchen für "Einiges Russland" machen. Eine korpulente Wahlhelferin mit Achtziger-Jahre-Frisur sitzt vor den Urnen und macht schwarze Striche, wenn jemand seine Zettel hineinwirft. Am Hinterausgang der Schule steht ein Meinungsforscher in einer schwarzen Lederjacke und fragt Wähler, für wen sie gestimmt haben. "Einiges Russland", antworten viele. Die Michailenkos verraten nichts.
Die Soljanka steht dampfend auf dem Tisch, als die Familie in ihre Wohnung zurückkehrt. Babuschka hat gekocht. Im Fernsehen ist Putin zu sehen, wie er seinen Wahlzettel in die Urne wirft. Tochter Marina hat nicht "Einiges Russland" gewählt - sondern die wirtschaftsliberale Partei SPS. Es ärgert sie, wie rücksichtslos der Staat manchmal mit den Bürgern umspringe, sagt sie. In Sotschi zum Beispiel, wo die Verwaltung ohne rücksichtslos Häuser abreißen lässt, um Nobelhotels zu bauen - das sei nicht sehr demokratisch. "Russland ist keine Demokratie und wird auch keine werden", sagt dazu Vater Juri. "Damit müssen wir uns einfach abfinden." Auch er hat für die SPS gestimmt.
Beim Mittagessen dreht sich alles um Politik. Babuschka Nina verrät, sie habe "für die Kommunisten gestimmt" - und fragt: "Ist das heute noch normal?" Die Großmutter schwelge in Erinnerungen an die Sowjetzeit, als Wurst billig war und der Staat das Studium zahlte, sagt Vater Juri. "Heute sind das ganz andere Kommunisten", so kapitalistisch wie alle anderen Parteien.
Witalij hält sich die ganze Zeit zurück. Plötzlich klingelt es an der Tür, ein Freund ist da. Ein paar Minuten später kommt er mit einem Hundert-Rubel-Schein ins Wohnzimmer. Er will nun doch wählen. "Für das Geld soll ich wählen gehen, egal wen", sagt er. Sein Kumpel habe das Geld von einem anderen Kumpel - und der habe es von einem Mann bekommen, der ihn angeblich anwies, es an Freunde zu verteilen. Damit sie zur Wahl gehen.
Witalij ist egal, von wem das Geld stammt. Er wird jetzt wählen gehen. "Ich stimme für Putin", sagt er. "Den wählen doch alle."
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