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Flüchtlinge im Irak Gefangen in der Green Zone

Hunderte irakische Familien haben sich in den vergangenen Jahren in Bagdads Green Zone gerettet. Nun wollen die Behörden sie wieder loswerden - doch außerhalb des Sperrgebiets lauert der Tod. Besuch in einer Zwischenwelt mitten in der irakischen Hauptstadt.

Bagdad - Das Papier, das das Leben der Familie Al Jaaf ein Jahr lang beschützt hat, ist so oft vorgezeigt worden, das es an den Knickkanten reißt. Wer immer die Familie aus ihrem Haus unter der "Brücke des 14. Juli" in Bagdad werfen will, möge sich vorher an den Verfasser wenden, steht da geschrieben. Gezeichnet ist der Brief von einem Chip Bell, Captain der US-Armee im Irak. Diverse Stempel und ein Militär-Briefkopf geben dem Papier zusätzliches Gewicht. Doch auch, wenn die Al Jaafs den Brief hüten wie einen Schatz: Er ist nichts mehr wert. "Und unser Leben auch nicht", sagt Mutter Al Jaaf.

Die Al Jaafs sind eine von Hunderten irakischer Familien, die sich im Laufe der vergangenen Jahre in die sogenannte Green Zone von Bagdad gerettet haben. Die internationale Enklave, in der die US-Amerikaner und ihre Verbündeten ihr Hauptquartier haben, ist eine Stadt in der Stadt: Hineingeschmiegt in die Biegung des Tigris, war das Viertel zu Saddam Husseins Zeiten Heimat der Privilegierten. Hier standen und stehen die Paläste des Diktators, hier hatten schon zu Saddams Zeiten Normalsterbliche keinen Zutritt.

Auch heute ist die Zone Sperrgebiet: Hinter ihren hohen Mauern leben und arbeiten Zehntausende Soldaten, Diplomaten, Gastarbeiter und Iraker in relativer Sicherheit. Für die Al Jaafs ist es eine Sicherheit auf Abruf geworden. Seitdem die irakische Regierung die Verwaltung der Zone übernommen hat, versucht sie, irakische Familien aus der Green Zone zu vertreiben. "Sie wollen, dass wir zurück in die Stadt ziehen", sagt Vater Al Jaaf. Der 52-Jährige ist sich sicher, dass er und seine Familie den Umzug keinen Tag überleben würden. "Wer für die Amerikaner arbeitet, wird als Verräter gesehen und ist so gut wie tot", sagt er.

Entführt - weil er für die Amerikaner arbeitete

Die Al Jaafs wissen, wovon sie reden. Am 11. August 2006 wurde Isam, der älteste Sohn der Familie, gekidnappt. Er arbeitete als Wachmann in der Green Zone, sein Arbeitgeber war Triple Canopy, eine der großen amerikanischen Sicherheitsfirmen im Irak. Isams Angehörigen sind sicher, dass der 30-Jährige wegen seines Jobs entführt wurde. Dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tot ist, geht ihnen nicht über die Lippen.

Es ist empfindlich kühl in der Küche, in der Al Jaafs ihre Besucher empfangen haben. Doch das Wohnzimmer ist nicht vorzeigbar. Früher hätten sie das Matratzenlager, auf denen die alten Eltern schlafen noch jeden Tag beiseite geräumt, entschuldigt sich eine Schwiegertochter. Dann habe man es einfach liegen gelassen. "Wir haben unsere Freunde und Verwandte hinter uns zurück gelassen, uns kommt keiner besuchen."

Wenn die alten Al Jaafs über ihren verschollenen Sohn sprechen, dann in Floskeln, mit denen sie sich um die Wahrheit drücken. "Ich bete, dass es ihm gut geht", sagt die Mutter. "Ich sehne den Tag herbei, an dem ich ihn wieder umarmen kann", sagt der Vater. "Ich hoffe, dass Ihr Sohn bald wohlbehalten zurück ist", sagt der Besuch. Es ist etwas peinlich, man sieht sich nicht in die Augen. Schwerfällig steht die Mutter auf, um an ihrer einen Gasflamme zu hantieren. Der Vater greift zu einer Haarbürste und kämmt sich den Schnäuzer.

Kein Zurück ins alte Leben

Doch der Moment geht vorüber und Hamsi Al Jaaf erzählt weiter: Nur ein einziges Mal, am Tag nach Isams Entführung, kontaktierten die Kidnapper die Familie. "Sie sagten, sie seien von der Mahdi-Armee und wollten 50.000 Dollar Lösegeld", sagt er. Die Mahdi-Armee ist eine der berüchtigsten schiitischen Milizen im Irak, die Al Jaafs sind Sunniten. "Ich hatte so viel Geld einfach nicht", sagt der Vater, der vor dem Krieg als Geschäftsmann im jordanischen Amman gearbeitet hatte. Er hat nie wieder etwas von seinem Sohn gehört.

Eine Woche nach der Entführung kaufte die Familie für 3500 Dollar ein armseliges Häuschen in der Green Zone. Die Frauen packten ein paar Sachen zusammen, der Vater schloss die Tür des Apartments im Stadtteil Taalbiye zu. Seitdem leben die Al Jaafs direkt am Tigris.

Ihr neues Zuhause steht im Schatten der großen Brücke, die aus der Green Zone hinaus nach Bagdad führt. Doch die Al Jaafs können sie nicht überschreiten, nicht zurück in ihr Viertel, in ihre Stadt, in ihr Leben. Ihren Nachbarn geht es ähnlich.

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