Es dürfte unmöglich sein, herauszufinden, wessen Informationen auf welche Weise auf das NIE einwirkten. "Tausende" Informationen und Daten seien ausgewertet worden, zitierten die US-Zeitungen heute aus Geheimdienstquellen. Über 1000 Fußnoten enthält der (geheime) Vollbericht - auf 150 Seiten.
Doch es ist wohl nicht nur die Güte einiger Top-Quellen, die das NIE so eindrucksvoll in eine neue Richtung drängte - auch die Methodik der Auswertung dürfte eine herausragende Rolle gespielt haben.
Dafür wiederum ist zuvorderst Mike McConell verantwortlich, der neue Geheimdienstkoordinator. Er soll die Spionageagenturen ermutigt haben, auch zu überlegen, was sie nicht wissen - und scheinbar unwichtigen Details neue Aufmerksamkeit zu schenken. Auch sollten die Schlapphüte Teherans mögliche Kalkulationen mit einbeziehen. Diese neuen Methoden sind nicht zuletzt ein Echo auf das Versagen der US-Geheimdienste im Vorlauf des Irak-Kriegs, als sie nicht-existente Massenvernichtungswaffen beschrieben hatten.
Harsche Kritik von John Bolton
Auch Präsident George W. Bush selbst hatte offenbar Anteil an der Neuausrichtung - bei der Präsentation des letzten NIE zu Irans 2005 beklagte er sich nämlich über zu wenig hartes Wissen zum Atomprogramm Teherans, woraufhin eine neue Iran-Abteilung gegründet wurde. Mittlerweile dürften dort nach Einschätzung des CFR mindestens 175 Beamte allein der CIA Dienst tun.
McConells Methoden stoßen inzwischen auch auf harsche Kritik. John R. Bolton, Washingtons früherer Uno-Botschafter und ein Hardliner, wirft den Verfassern des NIE vor, in der Mehrzahl "Flüchtlinge aus dem Außenministerium" zu sein - in Geheimdienstarbeit unerfahrene Beamte, die McConell mit ins Amt gebracht habe. Sie hätten traditionell eine Iran-freundlichere Haltung.
Bolton wirft den Verfassern auch mangelnde Logik vor: Sie stellten zum Beispiel fest, dass Iran sein militärisches Atomprogramm auf internationalen Druck hin eingestellt habe - die USA hätten 2003 jedoch überhaupt keinen nennenswerten Druck auf Teheran ausgeübt.
Schließlich kritisiert Bolton das NIE in seinem Kommentar in der "Washington Post" dafür, dass "die aktuellsten Quellen überbewertet" seien. In den letzten Jahren hätten die USA wegen steigender Achtsamkeit Teherans viele Quellen in Iran verloren - da sei "bei plötzlichem Auftauchen neuer Quellen" Misstrauen angebracht.
So ähnlich argumentieren die britischen und US-amerikanischen Geheimdienst-Barone in Le Carrés "Russlandhaus" übrigens auch. Dort stellt sich am Ende freilich heraus, dass die Quelle authentisch ist. Nutzen tut das allerdings nichts - weil inkompetente Geheimdienstler und Politiker lieber weiter Kalter Krieg spielen wollen.
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