Von Gabor Steingart, Washington
Samuelson liest Ex- und Importstatistiken mit der gleichen Anteilnahme wie unsereins den Wetterbericht. Er schaut auf die Satellitenbilder der Volkswirtschaft und versucht die Wirbelsturm vom Hurrikan zu unterscheiden. Er meldet seit längerem schon, dass da ein ökonomischer Tsunami unterwegs ist. Eine Druckwelle, die sich unter Wasser gebildet hat. Mit jedem Tag gewinne sie an Kraft. Wenn wir erst die haushohen Wellen am Strand sehen, wird es zu spät sein. Die Wucht des Tsunami wird vieles zerstören, sagt er, auch die Reste der amerikanischen Industrie. Übrig bleibe, im besten Falle, "eine amerikanische Bürowirtschaft".
Ist die Globalisierung dann Ihrer Meinung nach ein Nullsummenspiel, bei dem der eine gewinnt und der andere verliert? fragte ich Samuelson, nachdem er sein Sushi verspeist hat. Nein, sagt der alte Mann, der Wohlstand der Welt steigt. Aber, schränkte er sogleich ein, das gelte leider nicht für alle Gruppen einer Gesellschaft. Aber wiegen denn die Gewinne der Gewinner die Verluste der Verlierer nicht auf? Seine Antwort: Nein, nicht mehr, die Globalisierungsbilanz für Amerika sei seit geraumer Zeit negativ. Gegenüber den Asiaten befinde sich das Land in einer "Win-Lose"-Situation. Asien gewinne an ökonomischer Stärke, Amerika verliere Substanz.
Koalition der Zweifler
Die Freihandelskritikerin Hillary Clinton beruft sich heute auf Samuelson. Seine Zweifel sind jetzt auch ihre.
Die Koalition der Zweifler ist in Amerika derzeit in der Übermacht. Die Freetrader, die früher als Männer von klarem ordnungspolitischem Profil galten, sind mittlerweile bei vielen als Starrköpfe verschrien. Sie gelten bis weit ins Lager der Republikaner als Ideologen, die ein Prinzip um des Prinzips willen verteidigen. "Der neue Präsident müsse verstehen, dass es keinen freien Handel geben kann, wenn es keinen fairen Handel gibt", sagt auch der republikanische Präsidentschaftsbewerber Mike Huckabee.
Führen Zweifel und Skepsis automatisch zur richtigen Politik? Leider nicht. Der Zweifel kann auch Zerstörung bedeuten, wie sich am Beispiel Michail Gorbatschows beweisen lässt. Der sowjetische Reformer glaubte nicht mehr daran, dass sich mit Hilfe von Geheimdienstlern und Planbürokraten Wohlstand erzeugen ließe. Aber eine Alternative ist ihm nicht gelungen. Das Sowjetreich zerfiel. Die Industrieproduktion brach ein. Der Wohlstand war am Ende geringer als zuvor.
Auch in der Freihandelsdebatte ist Behutsamkeit gefragt. Protektionismus jedenfalls, also das ökonomische Abschotten Amerikas, wäre eine tödliche Medizin. Als Präsidentin sollte sich Hillary Clinton vielleicht am ehesten am großen chinesischen Reformer Deng Xiaoping orientieren. Der zweifelte an allem, auch an seiner eigenen Weitsicht. Er warb zeitlebens für eine Politik der kleinen Schritte: "Niemand ist diese Straße gegangen. Deshalb müssen wir vorsichtig gehen."
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