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19.12.2007
 

Unicef-Bild des Jahres

Wie ein Bild ins Herz der westlichen Welt trifft

Eine elfjährige Kindsbraut sitzt neben ihrem 40-jährigen Mann: Für Unicef das Foto des Jahres. Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter prangert die Perversität dieses Hochzeitsbildes an - und die schreckliche Gleichgültigkeit des Westens.

Es gibt Menschen, die dieses Bild ansehen und einfach weiterleben können. Ohne Ekel, Brechreiz und Wut. Was wir sehen, ist heftigste Barbarei. Aber ein leichtfertiger kultureller Realitivismus - der in unserer Zeit die Erscheinungsform dekadenter Gleichgültigkeit angenommen hat - lässt viele Menschen wegschauen. Sie wenden sich ab von dem Anblick eines 11-jährigen Mädchens, das von dem Mann, der neben ihm sitzt, vergewaltigt werden wird.

Afghanisches verkauftes Mädchen: "Dieses Bild zeigt einen kleinen, gewöhnlichen Moment, der keinen Taliban überrascht - er wird durch unsere Augen besonders"
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Stephanie Sinclair

Afghanisches verkauftes Mädchen: "Dieses Bild zeigt einen kleinen, gewöhnlichen Moment, der keinen Taliban überrascht - er wird durch unsere Augen besonders"

Das Mädchen wurde von ihren Eltern verkauft, auch wenn die Eltern das Wort wahrscheinlich nicht benutzten. Die Bildunterschrift erklärt uns, dass die Eltern ihre Tochter verkauft haben, weil sie Geld brauchten.

Ihr zukünftiger Ehemann versprach, seine elfjährige Braut zur Schule zu schicken, aber die Frauen in dem Ort Damarda in der Ghor-Provinz in Afghanistan glauben diese Märchen nicht. Sie sagen voraus, dass das Mädchen bald Kinder gebären werde. Denn: "Unsere Männer brauchen keine gebildeten Frauen."

Für das Mädchen wurde eine Mitgift gezahlt. Die Mitgift ist ein Teil des kulturellen Musters von Stammesgesellschaften. Frauen als Produzentinnen von Neugeborenen sind ein wertvoller Besitz. Die Frau kann Söhne und Krieger gebären, die die Familie und deren Ehre verteidigen. Die Männer müssen sie nur gegen Räuber und Entführer verteidigen und die Frau muss die Macht ihrer männlichen Familienmitglieder akzeptieren - "zu ihrem eigenen Nutzen".

Liebe ist ein Wort aus dem dekadenten Westen

Das Mädchen auf dem Bild hat erwartet, dass sie eines Tages verkauft würde, wie wahrscheinlich alle Frauen ihrer Familie in der Vergangenheit. Gleichzeitig realisiert das Mädchen, dass es nicht richtig ist, was ihm widerfährt. Vielleicht denkt sie, es sei "natürlich", als junges Mädchen verkauft zu werden, aber sie weiß auch, dass es nicht gut oder rechtmäßig ist, dass sie den Rest ihres Lebens als Sklavin dieses Mannes verbringt. Es ist eine Art von Wissen, das über Erfahrung hinausgeht, ein Wissen, das in der Menschlichkeit, den Träumen und Hoffnungen des Mädchens wurzelt.

Der Mann auf dem Bild ist sich keines Fehlverhaltens bewusst. Er tut, was seine Vorfahren getan haben. Sich an Traditionen zu halten, verbessert die Aussicht, zu überleben. Sein Samen wird einen neuen Menschen schaffen und seinen Clan stärken. Lieblos wird er dieses Mädchen befruchten, ohne jedes Bedauern, denn Liebe ist ein Wort aus fernen Gedichten und Liedern, ein Wort aus dem dekadenten Westen, wo sie keine Ahnung haben von der Härte einer Existenz in der Wüste und vom unaufhörlichen Krieg, der die Essenz des Lebens ist, in diesem Teil der Welt.

Was wir auf diesem Foto sehen, ist ein nackter Blick auf die kollektive Vergangenheit der Menschheit, auf den Horror unserer brutalen Natur. Liebe, Zärtlichkeit, Schönheit, Individualität und Respekt sind Phänomene, die wir unserer Natur aufgezwungen haben – in welcher seit jeher nur die Stärksten überleben und die wir in unserem westlichen Bewusstsein zuversichtlich und erfolgreich unterdrückt haben. Dieses Bild zeigt einen kleinen, gewöhnlichen Moment, der keinen Taliban überrascht - er wird in unseren Augen besonders.

In der Ära der Political Correctness ein gewagtes Statement

Unsere Augen sehen Gräuel. Unsere Augen lernten durch die Perspektive eines langsam erworbenen Sinns für Menschlichkeit zu sehen. Und obwohl uns mehr und mehr Stimmen sagen, dass wir, die ehemaligen Kolonialisten und Imperialisten, das Recht verloren haben, andere Kulturen zu verurteilen, wissen wir genauso gut wie dieses Mädchen, dass diese Hochzeit nichts als schlecht ist.

Ich denke, es gibt Kulturen, die rückwärtsgerichtet sind. In einem Zeitalter der Political Correctness ist dies ein verzwicktes Statement. Aber ein anderes Statement kann über dieses Bild nicht gemacht werden. Wir sehen einen rückwärtsgerichteten Mann, der nimmt, was er gekauft hat.

Viele von uns Westlern stellen fest, dass wir unsere Präsenz in Afghanistan nicht rechtfertigen können, dass unsere Truppen zurückkehren und Afghanistan den Afghanen überlassen sollen. Sie fragen: Wer sind wir, dass wir glauben, dass unsere Kultur der ihrigen überlegen ist? Wer sind wir, dass wir glauben, dass es unmenschlich ist, ein elfjähriges Mädchen an einen rückwärtsgerichteten Mann zu verkaufen? Wer sind wir, dass wir unsere Werte so vehement den Afghanen aufzwingen wollen, diesem Mann und diesem Mädchen?

Ich habe keine Ahnung, wer wir sind. Aber ich weiß, dass unser Universum - das nicht nur das Universum von iPods, Disneylands, CO2-Belangen, Steuerabschreibungen und den Neujahrsrabattaktionen in unseren Department Stores ist, sondern auch das Universum von Menschenrechten - dass dieses Universum in seinem tiefsten Inneren getroffen worden ist vom Leiden dieses einsamen, sehr einsamen Mädchens.

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