Von Hasnain Kazim
Hamburg - Der Attentäter wollte ganz sicher gehen. Erst nahm er mit einer Schusswaffe Benazir Bhuttos Wagen ins Visier, drückte ab, traf die Oppositionsführerin mit mehreren Kugeln von hinten - als sie mit schweren Verletzungen in Nacken, Brust und Wirbelsäule Schutz suchte, zündete der Mann einen Sprengstoffgürtel.
Die Oppositionsführerin starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos - die Verletzungen der Wirbelsäule waren einem Arzt zufolge zu groß. Mit Bhutto kamen bei dem Anschlag noch etwa 20 ihrer Anhänger ums Leben. Die Ermordung der 54-jährigen Politikerin mitten im Wahlkampf reißt das Land in eine Krise. Pakistan ist unter Schock.
Die Tochter des legendären Premierministers Zulfikar Bhutto war die populärste Herausforderin von Militärdiktator Pervez Musharraf, wurde vom Westen geschätzt, wollte bei den Wahlen am 8. Januar zur neuen starken Macht im Land werden - zugleich aber polarisierte sie. Korruption wurde ihr vorgeworfen, für Islamisten und alte Seilschaften im mächtigen Geheimdienst ISI war sie eine Reizfigur.
Sie hatte viele Anhänger. Und viele Feinde. Schon direkt nach ihrer Heimkehr aus dem Exil im Oktober versuchten ihre Gegner, sie in einem Selbstmordattentat umzubringen.
Der Versuch jetzt war der zweite binnen weniger Monate. Das Attentat erschüttert Pakistan, das "gefährlichste Land der Welt" - so nannten es Experten in den vergangenen Wochen wegen der Mischung aus vielen internen Konflikten, Islamismus und dem Besitz der Atombombe. Kaum war die Nachricht von Bhuttos Ermordung in der Welt, funktionierten die Mobiltelefone in Pakistan nicht mehr. "Das Netz wurde abgeschaltet", sagt der bekannte pakistanische Journalist Ahmed Rashid in seinem Haus in Lahore. "Das ist ein klares Zeichen dafür, dass bald wieder das Kriegsrecht verhängt wird", sagt er SPIEGEL ONLINE.
Auch dies wäre das zweite Mal binnen weniger Monate. Der im Westen inzwischen umstrittene Musharraf hatte am 3. November kurz nach Bhuttos Rückkehr in einer dramatischen Rede an die Nation den Ausnahmezustand über das Land verhängt und damit seinen Verbleib im Präsidentenamt gesichert. Ihm drohte eine Amtsenthebung durch den Obersten Gerichtshof. Am 16. Dezember hob er den Notstand auf - sprach davon, die "Nation gerettet" zu haben und das Land "zurück zur Demokratie" geführt zu haben. Kurz zuvor hatte er sich für weitere fünf Jahre als Präsident vereidigen lassen. Kritiker werfen ihm vor, er habe sich nur seine Macht sichern wollen.
Drei Tage Staatstrauer - Mindestens zehn Tote bei Krawallen
Musharraf bezeichnete in einer ersten Reaktion das Attentat auf Bhutto als Werk von Terroristen. Diese seien die größte Gefahr für die Nation, sagte er in einer Fernsehansprache. Er forderte die Pakistaner auf, Ruhe zu bewahren. Für drei Tage wird Staatstrauer verhängt - Schulen, Banken, Geschäfte und Unternehmen werden geschlossen. Ausschreitungen sollen verhindert, die Lage beruhigt werden. Denn schon in den Stunden direkt nach dem Attentat kam es zu Krawallen.
Vor dem Krankenhaus, in das Bhuttos Leiche eingeliefert wurde, versammelten sich Anhänger, traten vor Wut die Glastür am Haupteingang ein, brachen in Tränen aus. Viele schmähten Musharraf, beschimpften das Staatsoberhaupt als "Hund".
Auch in allen anderen großen Städten des Landes gab es Proteste. Bhutto-Anhänger zündeten Fahrzeuge an und randalierten. Bei Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften wurden mindestens zehn Menschen getötet. Dutzende Menschen wurden verletzt, wie das pakistanische Innenministerium in der Nacht mitteilte. Vier Menschen seien in Karachi ums Leben gekommen, vier in der ländlichen Provinz Sindh im Süden des Landes und zwei in Lahore, erläuterte ein Sprecher.
Für den 8. Januar hat er nun "faire und transparente" Parlamentswahlen angekündigt - doch "daraus dürfte jetzt wohl nichts werden", sagt Rashid. "Unter den jetzigen Bedingungen kann unmöglich eine Wahl stattfinden." Dem Land drohen "gewalttätige Demonstrationen bis hin zu tagelangen Kämpfen".
Der Oppositionspolitiker Nawaz Sharif - bisheriger Konkurrent Bhuttos von der Muslim-Liga - kündigte an, die Wahlen Anfang Januar zu boykottieren. "Es ist unklar, ob die Wahlen ohne Bhutto zum festgelegten Zeitpunkt stattfinden können", sagte der frühere Ministerpräsident dem britischen Sender BBC. In den neunziger Jahren führte Sharif zweimal die pakistanische Regierung an, im Wechsel mit Bhutto. Mit Tränen in den Augen versprach er heute den Pakistanern: "Bhutto war auch meine Schwester. Ich werde mit euch sein, Rache zu nehmen für ihren Tod." Musharraf forderte er zum sofortigen Rücktritt auf. Die Bevölkerung rief Sharif auf, mit einem mehrere Stunden dauernden landesweiten Streik am Freitag gegen die Ermordung Bhuttos zu protestieren.
"Es ist eine absolute Tragödie für Pakistan"
Mohammed Yaku, politischer Kommentator mehrerer pakistanischer Tageszeitungen, findet kaum Worte, um das Chaos in Pakistan zu beschreiben. "Es ist", sagt er, stockt, macht eine Pause und überlegt. Er setzt von vorne an: "Es ist eine absolute Tragödie für Pakistan." Wie Rashid erwartet er blutige Zusammenstöße zwischen Mitgliedern von Bhuttos Volkspartei PPP, Anhängern Musharrafs und Islamisten.
"Seit dem Notstand im November haben wir eine sehr instabile politische Situation in Pakistan", sagt Yaku. "Jetzt droht echte Anarchie." Über Bhutto könne man denken, was man wolle, aber: "Sie war nicht nur Vorsitzende der Volkspartei, sie war eine Hoffnung für das Land."
Bhutto hatte auch den Islamisten den Kampf erklärt. "Sie hat angekündigt, gegen islamistische Koranschulen und Terroristen vorzugehen", sagt der Journalist Nadeem Siddiqui, Mitarbeiter der Deutschen Welle. "Man könnte sagen, dass das ihr Todesurteil war." Siddiquis Familie ist mit jener der ermordeten Politikerin befreundet: "Ihr Tod ist eine so große Tragödie." Auch Rashid, Verfasser mehrerer Bücher über die Taliban, vermutet islamische Extremisten hinter dem Anschlag: "Das Muster des Selbstmordattentats spricht für religiöse Fanatiker."
Manche Beobachter, die namentlich nicht genannt werden wollen, können sich allerdings auch Geheimdienstler als Drahtzieher hinter dem Anschlag vorstellen. Einer sagt: "Weil Bhutto wie die letzte Hoffnungsträgerin der Demokratie in Pakistan für sich warb, hatte Musharraf plötzlich ein Problem. Er hatte unverhofft einen gemeinsamen Gegner mit den Islamisten - nämlich sie." Hinter vorgehaltener Hand heißt es, der Geheimdienst ISI oder das Militär könnten in die Ermordung verstrickt sein. Oder auch Bhuttos Gegenkandidat Sharif - gegen ihn allerdings gab es Stunden vor Bhuttos Ermordung ebenfalls einen Attentatsversuch. Er überlebte. Mehrere seiner Anhänger kamen um.
Dass die Lage in dem Land eskalieren wird, erwarten viele Beobachter. Ausländische Staats- und Regierungschefs reagierten geschockt. Die Menschen in Pakistan sind zutiefst erschüttert. "Wir müssen in ein paar Tagen, wenn wir realisiert haben, was passiert ist, in Ruhe über die Zukunft des Landes nachdenken", sagt ein Reporter.
"Ich habe auf dem Weg von Islamabad nach Rawalpindi brennende Autos und protestierende Menschen gesehen", sagt Siddiqui. "Zu Hause habe ich den Fernseher eingeschaltet - es sind überall die gleichen Bilder von weinenden Menschen und von Gewalt. Das Jahr endet für Pakistan mit einer Tragödie."
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