Von Thilo Thielke, Nairobi
Die indischen Verkäufer des Spring-Valley-Supermarkts in einer von Nairobis wohlhabenderen Wohngegenden schieben hastig die Rollläden hoch. Schnell werden die letzten Waren herausgereicht, ein bisschen Wasser, Spaghetti, die letzten drei Dosen Tomatenmark. Dann wird der Laden wieder geschlossen: Ausverkauft! "Die Mitarbeiter der Vereinten Nationen", stöhnt die Verkäuferin, "sie haben alles leergekauft. Sie bereiten sich auf den Ernstfall vor."
Nebenan, im Sarit-Einkaufszentrum, wo sonst auch an Wochenenden Einkaufstrubel herrscht, haben die meisten Läden ebenfalls bereits dichtgemacht. Über dem Gebäudekomplex kreist ein Helikopter. In der Stadt kursieren derzeit Gerüchte, dass Präsident Mwai Kibaki demnächst den Ausnahmezustand ausrufen lassen wird.
In Kenias Hauptstadt breitet sich Panik aus. Hamsterkäufe in den Läden. In ausländischen Botschaften werden Evakuierungsszenarien diskutiert. Sonst herrscht auf den Straßen der Hauptstadt gähnende Leere. Und gerade erklärt Oppositionsführer Raila Odinga vom Orange Democratic Movement im kenianischen Fernsehen, dass der Staat ins Chaos schlittert, sollte Präsident Kibaki gewinnen, und er erinnert an die Zustände in Cote d'Ivoire.
Droht das Schicksal der Elfenbeinküste?
Ausgerechnet die Elfenbeinküste! Ein Alptraum. Der westafrikanische Staat war vor einigen Jahren in einen mörderischen Konflikt zwischen den Volksgruppen geraten. Dabei galt er als Musterstaat. 15.000 Franzosen lebten dort und machten im Kakaostaat ihre Geschäfte. In der Finanzmetropole Abidjan gibt es sogar eine Eisbahn.
Droht Kenia nun der gleiche Weg? Gänzlich ausgeschlossen scheint das derzeit nicht. Seit langem schon gärt es zwischen den Stämmen der Kikuyu, die im Zentrum des Landes leben, und den Luo, die im Westen beheimatet sind – da, wo der gewaltige Victoriasee beginnt.
Besonders von der Regierung Mwai Kibakis fühlen sich die Luo verraten. Ihr populärster Politiker Raila Odinga, ein ehemaliger Maoist, der in der DDR studiert hat, galt als Schmied der siegreichen Regenbogenkoalition, die vor fünf Jahren den kenianischen Diktator Daniel arap Moi ablöste - gedankt wurde es ihm nicht. Als Mwai Kibaki erst einmal an der Macht war, wollte er von einer Verfassungsänderung nichts mehr wissen, nichts von einem Premierminister, der seine eigene Machtfülle einschränken könnte, und noch weniger von Luos in der Regierung. Nachgerade schamlos besetzte Kibaki alle wichtigen Posten mit Stammesgenossen und Vertrauten.
Korruptes Kabinett
Kibakis Kabinett gilt zudem als hochgradig korrupt. "Vielfraße", schmähte der frühere britische Hochkommissar Edward Clay schon 2004 die Truppe des Präsidenten, und fügte hinzu: "Nur kann die Regierung kaum von uns erwarten, dass es uns egal ist, wenn ihre Völlerei dazu führt, dass sie uns auf die Schuhe kotzen." Damals kam ans Tageslicht, dass Kibakis Regierung allein 125 Millionen Euro in dubiosen Deals mit einer Firma namens "Anglo Leasing" veruntreut hatte.
Kibakis Vetternwirtschaft und die Korruption sorgten in weiten Teilen der Bevölkerung zunehmend für Verdruss. Vom wirtschaftlichen Aufschwung von rund fünf Prozent jährlichem Wachstum ist in den Elendsgebieten des Landes wenig zu spüren. Unregelmäßigkeiten bei der Stimmauszählung könnten das Fass nun zum Überlaufen bringen. Und derzeit mehren sich die Anzeichen dafür, dass es bei diesen Wahlen nicht mit rechten Dingen zugeht.
"Es gibt ein großes Fragezeichen bezüglich der Stimmzählung", erklärt Alexander Graf Lambsdorff, der oberste EU-Wahlbeobachter. Von diversen Zählungen seien seine Beobachter ausgeschlossen worden, "in Mombasa wurden überhaupt keine Resultate angezeigt". Insbesondere in der Kibaki-treuen Provinz "Central" sei eine "hohe Wahlbeteiligung" festgestellt worden. "Hohe Wahlbeteiligung" ist freilich sehr diplomatisch gesagt. Samuel Kivuitu, Chef der kenianischen Wahlkommission ECK hatte gestern erklärt, die Wahlbeteiligung in "Central" hätte bei 115 Prozent gelegen. 115 Prozent! Und von denen haben 99 Prozent für den amtierenden Präsidenten gestimmt.
Rauch über den Slums
Angeheizt wird die Stimmung zusätzlich durch Bekanntmachungen von Kibakis Partei der Nationalen Einheit PNU. "Es ist klar, dass Mwai Kibaki den größten Teil der Stimmen bekommen hat", verkündet der PNU-Abgeordnete Beth Mugo per schriftlicher Mitteilung und schürt damit die Emotionen. Etwas scheinheilig klingt es da, wenn der Politiker verkündet, die Kenianer mögen "ruhig sein und geduldig auf das Ergebnis der Wahlkommission warten".
In den riesigen Slums der Hauptstadt herrscht derzeit eher die Ruhe vor dem Sturm. Schon gestern war es zu blutigen Straßenschlachten gekommen. Läden wurden in Brand gesetzt. Über dem Slumgebiet von Kibera hingen pechschwarze Rauchwolken und durch die von Wellblechhütten gesäumten Schlaglochpisten waberten Tränengas-Schwaden.
Gerüchte, der Präsident werde die Fernsehstationen in die Regierungsgewalt nehmen und Oppositionspolitiker verhaften lassen werden per SMS verbreitet. Noch sind es nur Gerüchte. Doch in der Innenstadt hat Kibaki bereits überall Bereitschaftspolizisten aufmarschieren lassen, die mit entsicherten Kalaschnikows bereitstehen.
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