Aus Des Moines, Iowa, berichtet Gregor Peter Schmitz
Huckabee wird nun freilich eine breitere Koalition schmieden müssen. In Iowa stellten die religiösen Rechten rund 40 Prozent der republikanischen Vorwähler. Schon in New Hampshire, dem nächsten Vorwahlstaat, sieht das anders aus. Er wird mehr Geld und ein professionelleres Team brauchen. Wenn man mit ihm reiste in diesen Tagen, fielen bei seinen Kampagnenhelfern schon mal die Internet-Verbindungen aus. In seinem winzigen Wahlkampfbüro in Iowa konnte man seinem Koordinator von draußen durch die Scheibe beim E-Mail-Schreiben zuschauen.
Aber genau dieser Graswurzel-Charme hat Huckabee siegen lassen. Welcher Republikaner soll ihn eigentlich stoppen? Mitt Romney hat die Bürger in Iowa umworben wie kein Zweiter, er hat Huckabee persönlich scharf attackiert - doch die Leute mögen ihn einfach nicht, wie Chris Matthews von CNBC ätzt: "Romney hat nur Unterstützer, die entweder unglaublich gutaussehend oder unglaublich reich sind." John McCain, Senator aus Arizona, hatte auf einen Aufschwung durch einen dritten Platz gehofft - aber er wurde noch vom schläfrigen Ex-Schauspieler Fred Thompson auf den vierten Rang verdrängt.
Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani führt zwar immer noch in nationalen Umfragen, erhielt aber in Iowa weniger als vier Prozent der Stimmen. Er hält an seiner Florida-Strategie fest, die auf einen großen Sieg dort am 29. Januar und den Durchbruch in wichtigen Staaten wie Kalifornien oder New York baut. Aber damit verlässt er sich auf darauf, dass sich die anderen Kandidaten vorher zerfleischen und es keinen klaren Favoriten gibt. Kurz: Die Strategie verstößt gegen jede US-Vorwahllogik.
Clinton wurde deklassiert
Auch Barack Obama hat die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Trotz der riesigen Clinton-Maschine, die in Iowa angeworfen wurde, konnte Obama sich als ernsthafter Gegenkandidat etablieren. Er hat wie sie im vergangenen Jahr 100 Millionen Dollar eingesammelt. Und er hat mächtige Wahlkampfteams in fast allen weiteren wichtigen Vorwahlstaaten aufgebaut.
Nun hat er sie in die Schranken gewiesen. Hillary Clinton galt schon als gesetzte Kandidatin. Wahrscheinlich war es eben dieses Gefühl der Unvermeidlichkeit, das sie am Ende Stimmen gekostet hat. Das ließ sie lange auftreten, als kämpfe sie schon gegen die Republikaner und nicht ihre Parteirivalen. Obama gelang es, Clinton als Teil jenes Systems erscheinen zu lassen, dass man in den USA nun endlich überwinden will: hier der junge Strahlemann, da das alte Establishment.
Nach der Entscheidung war das in Des Moines noch einmal zu besichtigen. Clinton trat vor mehr als 1000 jubelnden Menschen auf. Alle waren da, Parteigrößen wie Madeleine Albright, natürlich Ehemann Bill, Tochter Chelsea. Sie sprach sanft, sie verhaspelte sich kein einziges Mal und versuchte, ihre Schlappe in einen Sieg für die Demokraten insgesamt umzumünzen.
Und doch wurde man das Gefühl nicht los, das alles schon mal gesehen zu haben. Dazu trug auch Bills Rolle bei. Er schien bei seinen Auftritten mehr über sein Vermächtnis zu sprechen als über seine Frau. Es schien zu glauben, ihr die Kandidatur zu schulden - und suggerierte, der Rest des Landes solle das gefälligst auch so sehen.
Als die Clintons zuletzt die Schwächen dieses Ansatzes spürten, begannen sie, die Botschaft der Kandidatin zu ändern - was in Wahlkämpfen immer für Verwirrung sorgt. Mal war Hillary nun die harte Führerin, die weiter aggressiv gegen Terroristen vorgeht. Mal die erfahrene Diplomatin. Und seit ein paar Wochen schaltete sie Videos mit ihrer Mutter und Freunden, die Auskunft gaben, was für ein guter Freund und ein netter Mensch sie eigentlich ist.
Es war wohl die TV-Debatte Ende Oktober in Philadelphia, als die Stimmung zu kippen begann. Obama hatte lange vergeblich versucht, zu Clinton aufzuschließen. Viele trauten ihm nicht mehr zu, wirklich anzugreifen. Er bestellte Journalisten der "New York Times" ein und versprach, das zu ändern. Richtig böse musste er aber gar nicht werden, denn Clinton versetzte sich den schlimmsten Stoß selber. Auf die harmlose Frage, ob illegale Einwanderer Führscheine bekommen dürfen oder nicht, eierte sie von einer Position zur nächsten. "Wenn ich mich nicht täusche, hat Hillary gerade in zwei Minuten zwei verschiedene Dinge gesagt", spottete John Edwards. Obama setzte nach: "Ich bin einfach verwirrt über ihre Antwort."
Wandel gegen Erfahrung
Seither hat Obama diesen Vorteil nicht mehr losgelassen. Wandel gegen Erfahrung. Die Reise in die Vergangenheit im Gegensatz zu der Hoffnung auf einen ganz neuen Anfang. Erst einmal hat die Hoffnung gesiegt. Peter Hart, der bekannte Meinungsforscher der Demokraten, fragte im Dezember Wähler der Partei: Wenn Washingtons Politik ein Buch wäre, wollten Sie dann lieber ein paar neue Seiten oder ein ganz neues Kapitel? Fast die Hälfte wünschte sich ein komplett neues Buch.
Der Dreikampf der Demokraten wird weitergehen. Mindestens bis zum "Super-Super-Tuesday" am 5. Februar, an dem mehr als 20 Bundesstaaten abstimmen. Für Edwards, der fast sein ganzes Geld auf Iowa gesetzt hat, könnte der deutliche Abstand zu Obama schon das Ende seiner Kandidatur bedeuten. Clinton hingegen muss jetzt das schaffen, was ihr Mann 1992 in New Hampshire vorgelebt hat. "Das Comeback Kid" zu werden. Man sollte die Clintons in dieser Kunst nie unterschätzen - zumal Obama nun als Spitzenreiter auch neuer Durchleuchtung durch die Medien ausgesetzt sein wird. Aber fest steht: Die Clinton-Strategie ist über den Haufen geworfen.
Auch Mike Huckabee hat sich bereits eine neue Taktik zurechtgelegt. Gestern Abend trat er beim beliebten TV-Komiker Jay Leno auf. Der fragte ihn, welchen Gegner er sich bei den Demokraten wünschen würde. Die Antwort war typisch Huckabee: "Mir wäre es am liebsten, wenn sie alle einfach aufgeben würden."
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