Von Thilo Thielke, Nairobi
Der kleine Sitzungssaal im zweiten Stock des Grand Regency Hotels im Zentrum Nairobis war fast zu klein für die über 60 Aktivisten, die gekommen waren, um ihr Manifest zu verlesen. "So eine Krise hat es in Kenia seit der Unabhängigkeit 1963 noch nicht gegeben", sagt die Menschenrechtlerin Gladwell Otieno. "Wir sind hier, um zu zeigen, dass diese Regierung nicht gegen das Volk regieren kann. Kenia darf sich nicht in eine Diktatur zurückverwandeln."
Hunderte Menschen sind seit Ausbruch der Unruhen vergangene Woche bereits getötet worden. Allein in Eldoret stieg die Zahl der Todesopfer mittlerweile auf 113 an. Zwar hat sich die Lage in Nairobi oberflächlich beruhigt, doch es scheint nur die Ruhe vor dem Sturm. Allein Präsident Kibakis Regierungspropaganda möchte glauben machen, nun sei Normalität eingekehrt: weil es zwei Tage vergleichsweise still blieb und einige Geschäfte wieder öffneten. Doch es ist eine vordergründige Ruhe, eine giftige, eine unheimliche. In Wirklichkeit werden Messer gewetzt, und es wird aufgerüstet.
Dass sich Bischof Tutu mit den politischen Kontrahenten trifft, ist ein lobenswerter Zug. Dass er eine Lösung anbieten kann, glauben allenfalls Philanthropen, die mit der kenianischen Realität wenig vertraut sind. Noch vor wenigen Tagen sind Menschen verbrannt, und kaum jemand in Kenia glaubt, dass diese Taten ungesühnt bleiben. Der Kirchenbrand von Eldoret kann das Fanal gewesen sein für weitaus schlimmere Massaker. Anzeichen dafür gibt es bereits.
Die Krise im Land verschärft sich. Treibstoff wird knapp, schon fliegen ab dem Inlandsflughafen Wilson-Airport in Nairobi kaum mehr Maschinen. Im westkenianischen Nyanza hausen mehr als 3000 Menschen ohne Lebensmittel in provisorischen Flüchtlingslagern.
Der Handel mit den Nachbarländern Uganda und Ruanda ist zum Erliegen gekommen. Und der Handel mit diesen Nachbarländern ist mit Einkünften von rund 700 Millionen US-Dollar im Jahr immerhin Kenias wichtigste Devisenquelle – noch vor dem Tourismus. Auch der leidet bereits, weil die meisten Reiseanbieter Trips in das ostafrikanischen Land storniert haben.
Gleichzeitig wird versucht, internationale Berichterstatter für das Desaster verantwortlich zu machen. In einem Kommentar der kenianischen Tageszeitung "Nation" ist davon die Rede, Randalierer würden sich hauptsächlich für die Kameras von CNN in Szene setzen, von einer "symbiotischen Beziehung" zwischen ausländischen Medien und Krawallbrüdern ist die Rede. Und der kenianische Medienrat bittet ausländische Berichterstatter darum, in Zukunft die Nennung bestimmter Stämme, die für Gewalttaten verantwortlich sind, zu unterlassen. Der weiße Mann ist also wieder einmal verantwortlich fürs Elend auf dem schwarzen Kontinent. Es sind jedenfalls Tendenzen erkennbar, die hellhörig werden lassen und zu Beunruhigung unter der ausländischen Community Nairobis führen – ganz ähnlich begannen die brutalen Ausschreitungen gegen die Franzosen in der Elfenbeinküste auch.
Elf Punkte umfasst die Liste der verschiedenen kenianischen Organisationen, die am Samstag in Nairobi verlesen wurde. Die Internationale Gemeinschaft wird darin aufgerufen, den mutmaßlichen Wahlfälscher Mwai Kibaki nicht als Präsidenten anzuerkennen (das hat bisher nur Uganda getan), und allen Vertretern der jetzigen kenianischen Regierung und der Kibaki-Partei PNU (Partei der Nationalen Einheit) mitsamt ihren Familienangehörigen Visa zu verweigern, "um sicherzustellen, dass sie im Land bleiben und die von ihnen verursachte Wahl-Travestie, die stattgefunden hat, zu beenden".
"Wir werden nicht zulassen, dass eine kleine Gruppe ethnischer Chauvinisten dieses Land zwanzig Jahre zurückwirft", beteuert Gladwell Otieno. Zu gut erinnerten sich die Kenianer an die Atmosphäre von Angst und Terror unter dem Regime des ehemaligen Diktators Daniel arap Moi, der das Land bis 2002 regierte.
Im Moment gehen in Nairobi die internationalen Delegationen ein und aus. Der anglikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu aus Südafrika wurde mittlerweile sowohl von Kibaki als auch seinem Herausforderer Raila Odinga empfangen. Eine politische Lösung scheint derweil in weiter Ferne. Und ohne eine politische Lösung gebe es auch keinen Frieden in Kenia, beteuern die Vertreter der Menschenrechtsgruppen.
Harte Worte findet auch der Direktor des "International Center for Peace and Conflict" in Nairobi, Ndung’u Wainaina. "Die sich mehrenden Anzeichen für einen möglichen Völkermord, der abscheuliche und kriminelle Taten auf einem überwältigenden Niveau einschließt, belegen tiefverwurzelte historische Missstände und Hass, der in den vielen ethnischen Gruppen Kenias seit Jahren existiert", heißt es in einer Erklärung der Konfliktforscher. Verantwortlich für diese Eskalation seien die "rücksichtslosen, übereifrigen, verhassten und unverantwortlichen Menschen", die das "Mandat des Volkes" gestohlen hätten.
Eine Versöhnung klingt auch aus diesen Stellungnahmen nicht heraus.
Es sind Winkelzüge für Leichtgläubige, die Kibaki veranstaltet, wenn er mal anbietet, eine Neuwahl zuzulassen (nach einem gerichtlichen Endlosverfahren) oder eine Regierung der Nationalen Versöhnung. Als hätte ausgerechnet er darin etwas zu suchen und als hätte es eine Koalition der jetzigen Kontrahenten nicht schon gegeben. Kein Wunder, dass Oppositionsführer Raila Odinga diese Finte umgehend brüsk ablehnte.
Im Gegenteil: Die Zeichen stehen auf Sturm. So sehen das die politischen Analysten vom Center for Policy and Conflict: "Herr Kibaki muss verstehen, dass friedliche ethnische Beziehungen nicht mehr möglich sind, wenn ein ethnisch geteiltes Land erst einmal gegeneinander in den Krieg gezogen ist und das Kenia, das wir kennen, wird dann auf Dauer zerstört sein." Von ethnischen Säuberungen ist bereits die Rede und von Massakern.
Die Konfliktforscher stehen mit ihrer Meinung keineswegs allein. Dass nun alles friedlich ausgehe und Kibaki die Ordnung wiederherstellen könne, hält auch Lynn Muthoni Wanyeri Kenya von der Human Rights Commission für gefährlich naiv. "Wir wissen, dass sich Milizen in mindestens drei Regionen aufrüsten: in Nyanza im Westen Kenias, in Nairobi die Mungiki-Banden und in der Region von Eldoret."
Die Mungiki sind eine schwerbewaffnete kriminelle Sekte, die für viele Morde in Nairobi verantwortlich ist. Ihre Mitglieder bilden ein mafiöses Kartell, das ganze Wirtschaftszweige Nairobis, wie das Minibus-Business, kontrolliert Sie bestehen praktisch ausschließlich aus Angehörigen des Kikuyu-Stammes. Nach Informationen der Menschenrechtler sind ihre Mitglieder aus der Hauptstadt Nairobi nach Nakuru, ins Kikuyugebiet, gezogen, um sich dort zu formieren. Sie wollen von dort Angehörige des Kalenjin-Stamms bekämpfen, die die Straßen zwischen Eldoret und Nakruru blockieren und ethnischen Säuberungen und Massaker an den Kikuyu durchführen.
In Kenia leben über vierzig verschiedene Stämme. Die meisten fühlen sich von den Kikuyu benachteiligt, die wenigsten haben mehrheitlich für Kibaki gestimmt. Der falsche Präsident hat ja selbst nach den manipulierten Resultaten nur in zwei von acht kenianischen Provinzen gewonnen, während der wichtigste Rivale, Raila Odinga, in sechs Provinzen gewann.
Vor wenigen Tagen loderten an der Schnittstelle zwischen Kikuyu-Land und Kalenjin-Land die Barrikaden. "Tötet alle Kikuyu", riefen aufgewiegelte Jugendliche, die zuvor eine Kirche, in die sich rund 200 Kikuyu geflüchtet hatten, angezündet hatten. Sie schwenkten Macheten und Knüppel und durchsuchten jedes Fahrzeug nach Kikuyu, dem Stamm, dem Präsident Kibaki angehört. Sie riefen "Hängt Kibaki", sie erzählten, dass sie die Frauen und Kinder in der Kirche hätten töten müssen, weil sich die Kikuyu bewaffneten, unter Frauenkleidern verstecken würden und Morde an den Kalenjin vorbereiteten.
Einer der Männer an der Barrikade erklärte SPIEGEL ONLINE, wenn Kibaki nicht zurücktrete, würden sich die Kalenjin mit Waffen aus dem benachbarten Uganda versorgen. Und die Lage in Nyanza sieht ähnlich aus. Dort hat sich eine Stammesmiliz aus Angehörigen der Kisii-Volksgruppe formiert.
Derweil reißt der Zug der Flüchtenden nicht ab. Auf dem Gelände der katholischen Kirche in Eldoret haben sich bereits mehrere Tausend Menschen versammelt. Sie wollen fort. Ihre Häuser brennen.
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