Aus Nashua, New Hampshire, berichtet Gregor Peter Schmitz
Nashua - Bill, Chelsea und Hillary Clinton stehen mitten in der Turnhalle der Southern New Hampshire University in Manchester. Doch Hillary hat nur Augen für Chelsea. Bill darf für einen hastigen Kuss neben sie, dann muss er wieder an den Rand. Chelsea aber, die 27 Jahre alte gertenschlanke Tochter, bekommt erst eine lange Umarmung, dann ein Küsschen, dann noch einmal eine Umarmung. Es ist der Beginn von Hillarys Siegesrede nach ihrem Vorwahltriumph gestern Abend, Millionen Amerikaner schauen zu. Natürlich ist die Geste nicht zufällig. Hier steht eine ganz neue Hillary Clinton, die nicht die Vergangenheit umarmt (Bill), sondern die Zukunft (Chelsea).
Es ist ein Teil der Strategie, die Clinton in New Hampshire zu einem "Comeback Kid" werden ließ wie 1992 ihren Mann. Bill zerstreute damals mit Hilfe seiner Frau Gerüchte über eine außereheliche Affäre. Hillary entkräftete in nur fünf Tagen seit ihrem Debakel in Iowa auch mit Hilfe von Tochter Chelsea die Bedenken, sie sei ein altmodischer Wahlkampfroboter, der noch in den Neunzigern lebt - und einem charismatischen Kandidaten wie Barack Obama nichts entgegenzusetzen hat.
Sie hat es geschafft, in dem sie die Wähler in New Hampshire mit zwei zentralen Fragen konfrontierte: Wollt ihr euch diesen vermeintlichen Übermenschen namens Obama nicht noch einmal genauer ansehen? Und: Bin ich nicht eigentlich auch ganz liebenswert?
Also stellte sich Hillary Clinton in den vorigen Tagen vor jede Fernsehkamera, die ihren Weg kreuzte, und rief Obama zu: "Where's the beef?" - Wo sind die Inhalte? Was dessen wohlgeschliffene Reden als pure Rhetorik entlarven sollte. Zeitgleich lief die Kampagne zum Imagewandel Hillary Clintons auf Hochtouren - mit noch mehr Auftritten an der Seite von Chelsea, die gerade bei weiblichen Wählern sehr beliebt scheint - und die dann auch überwiegend für Clinton stimmten.
Und dann war da natürlich dieser Café-Besuch am Montagmittag in Portsmouth. Es sollte ein Routinetermin sein, mit unentschlossenen Wählerinnen. Das Gespräch plätscherte dahin, bis eine der Frauen Clinton fragte, wie sie es schaffe, die täglichen Anstrengungen zu bewältigen. Clinton begann zu reden, doch plötzlich schien sie mit den Tränen zu kämpfen, als sie sagte: "Ich habe so viele Ideen für dieses Land, und ich will nicht, dass wir zurückfallen. Das ist sehr persönlich für mich, es ist nicht nur politisch." Niemand wird je wissen, ob das spontan oder gestellt war. Doch die Szene wird in die US-Wahlkampfgeschichte eingehen.
Hinter den Kulissen packte die Senatorin vorsichtshalber noch die Keule aus. "The Clintons go to war", schrieb "Newsweek" am Montag. Ihre Helfer steckten Journalisten fast im Stundentakt vermeintliche Enthüllungen über den Rivalen Obama zu: Dass er nicht ein so toller Student gewesen sei. Dass er nicht genügend Sitzungen zu Europa abgehalten habe während seiner drei Jahre im US-Senat, dass seine Drogenerfahrungen als Jugendlicher seine Kandidatur belasten könnten. Die grandiose Enthüllung, er sei krankhaft ehrgeizig, weil er in der dritten Klasse mal ein Essay über sein Leben als US-Präsident geschrieben hat, hatten sie ja schon vor Wochen präsentiert.
Welche Clinton-Rolle wird nun die nächsten Wahlkampfwochen prägen? Die gefühlvolle Mutter oder die knallharte Wahlkämpferin? Wahrscheinlich ein Mix von beiden. Ihr Team wird Clinton wohl nicht radikal umbauen, wie es bei einer Niederlage in New Hampshire unvermeidlich gewesen wäre. Gestern wurde bekannt, dass sie zwei neue Berater angeheuert hat, die sich vor allem um Werbespots kümmern sollen. Die sind wichtig in den großen Vorwahlstaaten wie Kalifornien oder New York, die am 5. Februar - dem "Super-Duper-Tuesday" - mit 20 anderen Bundesstaaten wohl die Entscheidung der Vorwahlen bringen werden. Vorher messen sich die Demokraten am 19. Januar in Nevada und eine Woche später in South Carolina.
Die Strategie, Obama als unerfahren zu brandmarken, als ein Risiko gar, wird dort fortgesetzt. Auch die neue Hillary Clinton wird ihre reiche Erfahrung zur Schau stellen.
Doch ganz ohne Gefahr ist die Strategie nicht, denn die Gegenargumente liegen auf der Hand: Auch die ehemalige First Lady hat so viel politische Verantwortung selber nicht getragen. Und wenn nur Vertrautheit mit dem Washingtoner Betrieb entscheidend sein soll, hätten die Amerikaner einen gewissen Bill Clinton 1992 nicht wählen dürfen.
Genauso kann der Vorwurf, Obama produziere nur schöne Worte und unrealistische Konzepte, in der bevorstehenden harten TV-Spot-Auseinandersetzung leicht auf Clinton zurückfallen. In der Außenpolitik beispielsweise hat Obama mutige Positionen bezogen, die Clinton als berechnende Wahlkämpferin nicht einnehmen wollte: früher Widerstand gegen den Irak-Krieg, entschiedene Ablehnung einer Eskalation gegenüber Teheran, Forderungen nach der Vereinbarkeit von Menschenrechten und Nationaler Sicherheit. Und Obamas vermeintliche rhetorische Luftigkeit? Clintons Wahlkampfreden sind genauso Wahlkampfreden - also vor allem unbestimmt. "Ich kann vom ersten Tag im Weißen Haus regieren", behauptet sie immer wieder. Aber was sie dort genau machen will, versteckt auch sie hinter vielen Phrasen.
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