Aus Nashua, New Hampshire, berichtet Gregor Peter Schmitz
Ohnehin ist die neue weiche Seite vielleicht wichtiger für Hillary Clinton als der frontale Angriff. Denn ihre ursprüngliche Wahlkampfstrategie ist grandios gescheitert - ungeachtet des spektakulären Comebacks in New Hampshire. Ihre ganze Bewerbung baute darauf, die "unvermeidliche Kandidatin" zu sein. Das Ehepaar Clinton hatte eine hermetisch abgeriegelte, hochprofessionelle Wahlkampfmaschine aufgebaut - ein krasser Gegenentwurf zu der eher basisdemokratisch geprägten Obama-Kampagne. Ihre Berater wühlten wie besessen in Umfragen, Datenbanken, Zahlen. Und die Clintons wirkten wie eine Dynastie, die die Krönung des Nachwuchses möglichst perfekt vorbereiten will.
Die Strategie konnte nur funktionieren, solange sie keine Angriffsflächen bot. Als Clinton sich Ende Oktober in einer TV-Debatte zu einer Frage über Führerscheine für illegale Einwanderer verhaspelte und Obama seine Chance nutzte, brach sie zusammen. Fortan wirkte Obama immer leidenschaftlicher. Die Clintons hingegen von Woche zu Woche gestriger, berechnender - und zickiger. Der Tiefpunkt kam am Samstag bei der TV-Debatte der Demokraten. Als John Edwards sie dort eine Vertreterin des "Status Quo" nannte, verlor Clinton fast die Beherrschung. Sie fuchtelte mit dem Arm, ihre Stimme klang schrill. "Seit 35 Jahren kämpfe ich für den Wandel", schimpfte sie lautstark.
Solche Auftritte muss Clinton auch in den nächsten Wochen vergessen machen. Denn Obama bleibt ein formidabler Gegner. In der South Nashua High School hielt er trotz seiner Niederlage vor Tausenden jubelnden Anhängern eine starke Rede. "Yes, we can", verkündete er als neue Botschaft, und es klang wie eine Siegeserklärung. Nach wie vor trifft der Senator aus Illinois gerade bei jungen Demokraten mit seiner Botschaft eines Neuanfangs in Washington den Nerv. Letztere kennen die Demokratische Partei eigentlich nur noch als Erbhof der Clintons; seit 16 Jahren ziehen Bill und Hillary die Fäden - und die acht Jahre im Weißen Haus brachten zwar Erfolge, aber eben auch Episoden extremer Polarisierung. Unter einer Präsidentin Clinton, glaubt die junge Generation, würden alte Gräben wieder aufbrechen, weil sie viele Republikaner in Ablehnung vereint. Deshalb ist Obamas populärer Slogan, er wolle nicht die Kämpfe der Neunziger noch einmal kämpfen, für sie so gefährlich.
Doch darüber will im Clinton-Lager jetzt natürlich niemand reden. Man hört lieber Lieder von U2, die seit kurzem nicht nur bei Obama, sondern auch bei Hillarys Auftritten laufen. Clinton gibt in ihrer Rede beide Rollen: die resolute Wahlkämpferin, die betont, das alles hier sei "kein Spiel" - ein Seitenhieb auf die vermeintlich spielerische Begeisterung um den jungen Senator. Und die verletzliche Frau: "In der vorigen Woche habe ich euch zugehört. Und dabei habe ich meine Stimme gefunden." In der zweiten Rolle wirkt sie sicherer denn je - wozu ihr sehr emotionaler Moment in diesem kleinen Café in New Hampshire wohl beigetragen hat. Er bot ihr die perfekte Gelegenheit, sich im Kräftemessen mit dem Charismatiker Obama neu zu erfinden. Es klingt verrückt: Aber vielleicht entscheiden ein paar Tränen diesen epochalen Zweikampf.
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