Sonntag, 22. November 2009

Politik



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27.01.2008
 

Irak

Mit dem Ex-Feind auf Patrouille

Von Ulrike Putz, Rawah

Einst kamen sie, um die Iraker zu besiegen. Heute sollen US-Soldaten mit den ehemaligen Feinden Streife laufen und ihnen ihr Leben anvertrauen. Die neue Doktrin, die "Herzen und Hirne" der Iraker erreichen zu wollen, funktioniert - dennoch schlafen viele Marines neben ihrer geladenen Pistole.

Sie sind jung, sie geben sich schneidig, unter den beigefarbenen Overalls der Wüstenkämpfer zeichnen sich Muskelberge ab. Wer sich keine Glatze geschoren hat, trägt das Haar nach Dienstvorschrift "High and Tight", an den Seiten kahl, auf dem Oberkopf raspelkurz: Die US-Marines des Außenpostens in der nordwest-irakischen Kleinstadt Rawah könnten für ein Rekrutierungsplakat der amerikanischen Elitetruppe Modell stehen.

Wären da nur nicht die Schnurrbärte. Behaarte Oberlippen sind äußerst untypisch für die Marines. Dass fast die ganze Kompanie sich einen Schnauzer stehen hat lassen, muss also Gründe haben: "Der Captain hat angeordnet, dass sich jeder, der kann, einen Schnurrbart wachsen lässt", erklärt ein Sergeant den Einheitslook. Im Irak, wo Schnauzbarttragen existenzieller Bestandteil des Mannseins ist, komme es bestimmt gut an, wenn man sich den lokalen Sitten anpasst, so die Überlegung.

Der Erfolg gibt Captain Adam Gross’ Initiative recht. 120 irakische Polizisten teilen sich in Rawah das Camp mit etwa 60 Marines. "American Moustache, very good!" strahlen einige der irakischen Polizisten auf Nachfrage. Und auch der örtliche Polizeichef gibt zu Protokoll, dass es ein sehr willkommenes Zeichen des Respekts und der örtlichen Bräuche sei, dass die Amerikaner sich nicht glatt rasierten. Captain Gross freut sich: "Wieder ein kleiner großer Sieg!"

Herzen und Hirne gewinnen

Im Januar vergangenen Jahres wurde General David Petraeus zum neuen Oberkommandeur der US-Truppen im Irak gemacht. Sein Credo: Man muss die "Herzen und Hirne" der Iraker gewinnen. Die Bevölkerung eines besetzten Landes für sich einzunehmen, ist ein Kampf, der nur im Detail, im täglichen Klein-Klein gewonnen werden kann. Mit Schnauzbärten, oder auch im langen arabischen Gewand: Die Krönung der interkulturellen Verständigungsarbeit ist, dass der US-Verbindungsoffizier zur irakischen Polizei Captain Mike Petite tatsächlich ab und an die arabische Tracht nebst Palästinensertuch trägt, die ihm die Iraker geschenkt haben. Auch dass er beim Essen mit den Honoratioren des Örtchens ohne mit der Wimper zu zucken mit den Fingern von den großen Platten mit Huhn und Reis isst, aus denen sich auch alle anderen Eingeladenen die besten Stücke herausklauben, wird Petite hoch angerechnet. "Er ist schon fast einer von uns", freut sich der Polizeichef.

ZUR PERSON

SPIEGEL ONLINE
Ulrike Putz ist Nahost- Korrespondentin für SPIEGEL ONLINE in Beirut. Zur Zeit ist sie für mehrere Wochen als embedded reporter mit US- Einheiten im Irak unterwegs. Sie untersucht, welche Fortschritte die irakischen und amerikanischen Truppen im Kampf gegen den Terror gemacht haben und wie das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungs- und Religionsgruppen funktioniert.
Der von Petraeus seit Anfang Jahres initiierte Kurswechsel trägt Früchte: Noch 2006 war es gängige Taktik der US-Truppen von ihren großen Basen aus Vorstöße in die feindliche Umgebung zu unternehmen. Die Soldaten fuhren auf Patrouille, durchsuchten Häuser, verhafteten, wen sie für verdächtig hielten. Abends zog man sich in die Forts zurück, und überließ die Stadtviertel, in denen man sich tagsüber durch die Verhaftungen vermutlich ein paar neue Feinde geschaffen hatte, den Aufständischen. Petraeus änderte das. Er ließ die Soldaten absitzen und zu Fuß den Kontakt mit der Bevölkerung suchen. Vor allem aber dezentralisierte er seine um 30.000 auf 170.000 Mann aufgestockten Truppen. Eine Nachbarschaft sollte nicht nur ab und an ausgekehrt, sondern gehalten werden. Seitdem sitzen die Soldaten in kleinen Außenposten in den von ihnen zu kontrollierenden Stadtteilen und Dörfern – teils wie in Rawah in Wohngemeinschaft mit den irakischen Sicherheitskräften.

Man kann der Ansicht sein, dass Kriege grundsätzlich schlecht sind und die Leistung eines Soldaten deshalb nicht in besser oder schlechter unterteilt werden kann. Man kann der Überzeugung sein, dass es falsch war, einen Krieg gegen den Irak zu führen und das deshalb jeder amerikanische Soldat dort nichts zu suchen hat. Oder man kann sich die Lage der Dinge im Irak betrachten, in dem ein kurzer Krieg ein heilloses Chaos der Gewalt geschaffen hatte und feststellen, dass die multinationalen Truppen unter US-Führung nach einem Strategiewechsel die Situation nun langsam in den Griff zu bekommen scheinen.

  • 1. Teil: Mit dem Ex-Feind auf Patrouille
  • 2. Teil

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