Aus Las Vegas berichtet Marc Pitzke
Der eigentliche Wahlvorgang verläuft nicht minder chaotisch. Parteifunktionärin Cindi Pederson, die die Versammlung leitet, brüllt Anweisungen ins Mikrofon, ein Dolmetscher übersetzt ins Spanische. "Ihr alle schreibt heute Geschichte", ruft sie. "Ihr beansprucht hier euer Recht auf freie Meinungsäußerung."
Wie frei diese Meinungsäußerung ist, ist umstritten. Schon vorher kursierten Gerüchte über Einschüchterungsversuche, nicht nur im Bellagio und von beiden Seiten. Für viele ist es das erste Mal, dass sie aktiv Demokratie ausüben.
Vier Sorten Steaks und ein saftiges Trinkgeld
Die offizielle Zählung im Saal ermittelt die Anwesenheit von 495 Wahlberechtigten. Pederson fordert die Leute auf, sich zu verteilen: John Edwards links außen, Clinton in der Mitte, Obama weiter rechts. Das hat minutenlanges Gerangel und Geschubse zur Folge, assistiert von "Obama"- und "Hillary"-Rufen. Sechs Unentschlossene werden massiv bedrängt, sich der einen oder anderen Seite anzuschließen. "Ich übernehme deine Frühschicht", lockt ein Obama-Anhänger einen renitenten Kollegen.
Das Bellagio-Ergebnis sieht das Ergebnis in ganz Nevada voraus: Für Clinton stellen sich 271 Caucus-Teilnehmer auf, für Obama 191, für Edwards acht. Anderswo am "Strip" geht's knapper aus. Im Flamingo gewinnt Clinton mit 121 zu 120, im Wynn mit 189 zu 187, im Caesars Palace siegt Obama mit 86 zu 80. So viel Theater um so wenig Stimmen: Angesichts der Gesamtstimmenzahl Nevadas macht sich der "Strip" letztlich verschwindend gering aus.
Dass das Bellagio so klar Clinton zufällt, liegt vielleicht auch daran, dass sie sich hier in einer Luxussuite einquartiert haben. Bill Clinton hat sogar persönlich in den Casino-Katakomben die Runde gemacht und an einem Abend vier Sorten Steak aufs Zimmer kommen lassen, für sich und 20 Freunde. Inklusive, wie zu hören ist, eines ziemlich saftigen Trinkgelds.
Als Clintons Stärke in Nevada, so ergeben Nachwahl-Umfragen, erweisen sich Frauen und Latinos. Obama, der sich die Mehrheit der Schwarzen sichert, stolpert derweil über alte Ressentiments zwischen den Minderheiten.
"So wurde der Westen erobert"
Er stolpert aber auch über eigene Fehltritte. So hatte er in einem Interview die Republikaner-Ikone Ronald Reagan als Visionär gelobt - sicher das Letzte, was die Demokraten hören wollen. Das Clinton-Team verlor keine Zeit, Obamas Worte überall zu verbreiten, und berief eine Telefonkonferenz mit Reportern ein, bei der sich namhafte Parteileute entsetzen durften.
"Dies war eine effektive Kampagne", freut sich Clinton bei ihrer Siegesfeier im Casino Planet Hollywood. "Ich schätze, so wurde der Westen erobert." Obama beharrt in einer knappen Erklärung darauf, trotz seines zweiten Platzes die Mehrheit der Parteitagsdelegierten zu haben, dank der komplizierten Caucus-Regeln. Und auch Edwards, der mit 3,8 Prozent in Nevada ein verheerendes Ergebnis einfährt, will sich weiter nicht geschlagen geben: "Wir sind bereit, um jeden Delegierten kämpfen."
Und so geht das bittere Duell munter weiter. Clinton peilt dabei gestärkt die nächste Runde am Samstag an, die Demokraten-Vorwahl im Südstaat South Carolina. Doch auch für Obama ist dort noch nichts verloren: Er setzt auf das Votum der Schwarzen, die in South Carolina fast ein Drittel der Wähler ausmachen. Und dann kommt am 5. Februar ja noch der "Tsunami Tuesday", an dem 22 Staaten wählen.
Im Bellagio ist der Spuk nach nicht mal einer Stunde vorbei. Die einen umarmen sich, die anderen gucken betreten, dann kehren alle an ihren Arbeitsplatz zurück. Nebenan im Ballsaal "Monet" geht schon der nächste Spaß los: Ein Slotmaschinen-Turnier, Hauptpreis 125.000 Dollar. Die Warteschlange der Hoffenden ist noch länger als beim Caucus.
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