Rafah - Getrieben von Hunger und Verzweiflung haben Hunderttausende Palästinenser die Grenze vom Gaza-Streifen zu Ägypten gestürmt. Nach Uno-Angaben handelte es sich um 350.000 Menschen, Palästinenser sprachen gar von einer halben Million. Zuvor hatten in der Nacht militante Gruppen aus Protest gegen die Abriegelung des Gebiets durch Israel große Breschen in den Metallzaun gesprengt. Viele Menschen kauften dann in der Grenzstadt Rafah Lebensmittel und andere dringend benötigte Güter, die durch die israelische Blockade knapp geworden waren.
Der ägyptische Staatspräsident Husni Mubarak gab nach eigenen Worten selbst den Befehl, den Palästinensern den Grenzübertritt zu erlauben. Die Palästinenser hungerten, erklärte er zur Begründung. Er habe seine Soldaten angewiesen, die Menschen in den Ort zu lassen, damit sie dort Lebensmittel kaufen und essen könnten, solange sie keine Waffen mit sich führten. Dann sollten sie wieder heraus eskortiert werden.
Die Regierung in Jerusalem zeigte sich besorgt über die Entwicklung und erklärte, sie erwarte, dass Ägypten das Problem löse.
Die im Gaza-Streifen herrschende radikale Organisation Hamas bekannte sich zwar nicht direkt zu den Sprengungen, ihre Sicherheitskräfte übernahmen aber schnell die Kontrolle an der Grenze und sperrten bis auf zwei alle Breschen ab. Die ägyptischen Grenzbeamten und die Polizei der Hamas griffen nicht ein, als die Menschen über die Grenze strömten. Einige Rückkehrer aus Ägypten wurden kontrolliert, bei einem Mann wurden sieben Pistolen beschlagnahmt.
Der politische Führer der Hamas, Ismail Hanija, forderte die rivalisierende Fatah und die ägyptische Regierung zu einem Krisentreffen auf, um neue Regelungen für den Grenzübergang in den Gaza-Streifen zu treffen. Er deutete an, dass die Hamas bereit wäre, ein Teil der Kontrollen an die gemäßigte palästinensische Regierung unter Präsident Mahmud Abbas abzutreten.
"Davon kann meine Familie einen Monat leben"
Die meisten Menschen überquerten die Grenze ohne Kontrolle. Sie brachten Ziegen, Hühner und Getränke in den Gaza-Streifen. Der 29-jährige Mohammed Abu Ghazel sagte, er habe inzwischen dreimal die Seiten gewechselt und dabei Zigaretten aus Ägypten mitgebracht, die er im Gaza-Streifen für den dreifachen Preis verkauft habe. "Davon kann meine Familie einen Monat leben", sagte er.
Bewaffnete Palästinenser zündeten in der vergangenen Nacht insgesamt 17 Sprengladungen, um die Löcher in die Grenzbefestigungen zu sprengen. Zwei Drittel des Metallzauns wurden dadurch zerstört. Später rückten Planierraupen, um die Lücken zu verbreitern und den Grenzübertritt zu erleichtern.
Die Abriegelung des Gaza-Streifens durch Israel wegen des fortgesetzten Raketenbeschusses durch militante Palästinenser hatte Ägypten bislang, wenn auch zurückhaltend, unterstützt und auch seine Grenze zum Gaza-Streifen geschlossen gehalten. Bei Zusammenstößen zwischen mehreren hundert Palästinensern und ägyptischen Grenzbeamten wurden gestern 70 Menschen verletzt.
Der Sprecher des israelischen Außenministerium, Arje Mekel, hob hervor, dass Israel keine Sicherheitskräfte an der Grenze des Gaza-Streifens zu Ägypten habe. Die Verantwortung für die Sicherheit der Grenze liege also bei Ägypten. Jeder könne im Moment über die Grenze in den Gaza-Streifen gelangen.
Vor Beratungen des Weltsicherheitsrates über die Lage im Gaza-Streifen sagte der israelische Uno-Botschafter Dan Gillerman, seine Regierung habe nicht die Absicht, der Zivilbevölkerung zu schaden. Er kritisierte, dass sich der Sicherheitsrat nicht mit dem täglichen Raketenbeschuss beschäftige, sondern nur mit den Reaktionen Israels darauf.
Von Ibrahim Barzak, AP
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