Aus Columbia, South Carolina, berichtet Gregor Peter Schmitz
Columbia - Die Menschen im dichtgefüllten Saal des Metropolitan Convention Center in Columbia singen, sie sind eingehakt, sie rufen abwechselnd nach "Change", Wandel, und nach "Hope", Hoffnung. Sie wissen schon, dass Barack Obama, ihr Held, klar gewonnen hat, nun warten sie auf seine Rede.
Doch plötzlich ertönen laute Buhs, viele recken ihre Daumen nach unten, sie stoßen sich gegenseitig an und deuten aufgeregt zum riesigen Bildschirm in der Mitte der Halle. Auf dem ist zu sehen: Bill Clinton.
Der Ex-Präsident hält eine Rede im fernen Missouri, in dem er in einem Nebensatz sogar Obama gratuliert. Aber der Ton ist ausgeschaltet, die Leute hier sehen nur Clintons leicht gerötetes Gesicht, und sie buhen sich die Lunge aus dem Leib.
Wenn es noch eines Belegs bedurft hätte, was heute Abend passiert ist in South Carolina, dann ist er jetzt zu besichtigen. Es ist ein Sieg für Barack Obama. Aber es ist auch ein Sieg gegen seine Parteifreunde, die Clintons.
Der Triumph fällt eindeutig aus, in fast jeder Kategorie: 55 Prozent gegen 27 Prozent. Mehr als doppelt so viele Stimmen wie Clinton. Diesmal stimmten 532.000 Demokraten ab. Vor vier Jahren waren es 280.000. Auch unter weißen Wählern hat Obama ordentlich abgeschnitten - fast jeder vierte stimmte für ihn, verglichen mit rund 37,5 Prozent für Clinton. Unter Schwarzen, die etwa jeden zweiten Vorwähler stellten, erzielte Obama mit 80 Prozent ein fast Ergebnis, wie man es von kommunistischen Einparteiensystemen kennt.
Schon Minuten nach der Schließung der Wahllokale hatte CNN ihn zum eindeutigen Sieger erklärt. Doch Obama lässt sich bis fast 21 Uhr Zeit, um vor seine Anhänger zu treten. Er zelebriert seinen Triumph. Und er beginnt mit großen Worten: "Nach Wahlen in jeder Ecke der USA haben wir mehr Stimmen, mehr Delegierte und die breiteste Koalition an Amerikanern."
Solche Siegesreden folgen eigentlich einem klaren Schema. Man dankt kurz dem Gegner, dann feuert man seine Anhänger an und verspricht, weiter zu kämpfen bis zum Weißen Haus. Obama hat die inspirierenden Passagen zu einer Kunst perfektioniert - und ob er dabei vom Teleprompter abliest oder nicht, wie manche gemäkelt haben, spielt keine Rolle. Man muss es noch immer können. Hillary Clinton konnte es etwa nicht, als sie vor einigen Wochen in New Hampshire überraschend gewann.
Aber heute, anders als noch am 3. Januar in Iowa, will Obama nicht bloß inspirieren - er will auch einiges klarstellen. Er sagt: "In den vorigen Tagen haben wir gesehen, wie der Status Quo zurückschlägt. Mit allen Mitteln." Und dann steigert er sich in eine fast zornige Aufzählung. Es geht um Arme und Reiche, die miteinander auskommen, um Weiße, Schwarze und Latinos, die sich versöhnen, um Republikaner und Demokraten, die sich verständigen. Und nach jedem Beispiel, das Obama gibt, halt seine Stimme so laut durch die Halle, als solle sie auch Bill Clinton in Missouri noch in den Ohren klingen: "Don't tell me change is not possible" - Sag mir nicht, Wandel ist nicht möglich.
"Yes, we can!", hallt es immer wieder von den Zuhörern zurück.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema US-Präsidentschaftswahl 2008 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH