Aus Gaza berichtet Ulrike Putz
Die Treibstoffproduktion ist eine heikle Sache, die wahre Gefahr aber seien die Kampfhubschrauber der Israelis, sagt Abdul. "Wir wissen, dass wir leichte Beute sind." Sein Daumen blinkt mit der Taschenlampe einen nervösen Morsecode auf den Boden der Hütte. "Wir sind bereit, zu sterben, das ist der Preis unserer Freiheit." Es bliebe den Palästinensern keine andere Wahl, als den Kampf gegen Israel mit der Waffe zu führen. "Entweder wir gehen in den Widerstand, oder sie behandeln uns wie Sklaven." Er mache sich schon Gedanken, wer von seinen Geschossen getroffen würde. "Wenn wir Soldaten töten, sind wir mehr als glücklich", sagt er. "Wenn es ein Kind trifft, sind wir natürlich nicht froh."
Es sei aber nun einmal so, dass man mit einer Kassam nicht zielen könne. "Und guck dir die Israelis an, die haben F-16 und Apache-Helikopter und könnten wunderbar genau schießen. Und trotzdem töten sie unsere Frauen und Kinder." Abdul denkt kurz nach. "Kinder dürften in keinem Krieg dieser Welt getötet werden", sagt er, der selbst noch keine hat.
Dann schickt er alle vor die Tür. "Das ist jetzt der gefährlichste Moment. Kurz bevor der Treibstoff fertig ist, kann das Zeug leicht hochgehen." Beim Tee unter dem Vordach der Hütte erzählt Abdul von seiner Laufbahn als Waffenbauer. Ein paar Stunden Theorie, dann seien er und seine Kumpels bei erfahrenen Raketenbauern in die Lehre gegangen. Er will es nicht so deutlich sagen, aber wie es scheint, hat er auch im Ausland trainiert. "Ich war in Syrien, Jordanien und noch einem Land", sagt er. In Iran? Abdul lächelt.
"Meine Mutter ist stolz auf mich"
Der Raketentreibstoff im Kessel ist fertig: ein sämiger, gelblicher Teig. Abdul trägt einen Löffel voll vor die Tür und hält ihn in das Feuer, auf dem der Tee köchelt. Eine Stichflamme schießt hoch, zischend und sprühend brennt die Nitrat-Zucker-Mischung ab. Es riecht nach Silvester-Feuerwerk, Abdul ist zufrieden. Die Masse ist bereit zum Abfüllen. Zähflüssig rinnt sie in ein Plastikrohr, in dem sie nun abkühlen muss. Die Masse umschließt einen Zünder mit langem Kabel, mit dem die Rakete später gezündet werden wird. Ist der Treibstoff ausgehärtet, wird das Plastikrohr weggeschnitten, der gelbliche Brennstoff-Zylinder in die Kassam-Hülle eingesetzt.
Die erste Kassam-Rakete dieser Nacht ist so gut wie fertig, Abdul ist ruhiger geworden. "Heute schützen uns die Wolken vor den Drohnen der Israelis." Die Witwen- und Waisenkasse des "Islamischen Dschihad" wird wohl erstmal nicht für seine Hinterbliebenen sorgen müssen. Seine Mutter, die sich so oft Sorgen um ihn macht, darf sich morgen früh freuen, dass ihr Sohn in seinem Bett aufwacht. "Sie ist ja einerseits schon stolz auf mich", sagt Abdul, der Raketenbauer. "Aber letzten Endes ist sie eben doch eine Mutter."
* Name von der Redaktion geändert
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