Von Pierre Heumann, Tel Aviv
Tel Aviv - Politiker und Offiziere hatte es seit Tagen kommen sehen, nun haben die Terroristen zugeschlagen: Erstmals seit einem Jahr kam es in Israel wieder zu einem Selbstmordanschlag. Dabei kam eine Israelin ums Leben, ebenso die beiden Attentäter. Die Bluttat kam für viele wenig überraschend: Seit die Grenze zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten offen ist, kann auch Israel von Gaza aus mit Leichtigkeit erreicht werden. Das würden Terroristen in Gaza als neue Chance sehen - und auch nutzen, hatten Sicherheitsexperten zu Bedenken gegeben. Heute erhielten sie recht.
Gleich drei Organisationen übernahmen die Verantwortung für das Attentat im Einkaufszentrum von Dimona: die Volksfront zur Befreiung Palästinas, die kompromisslos gegen Israel kämpft; und die Nationalen Widerstandbrigaden, der sich ehemalige Aktivisten angeschlossen haben, denen die Hamas zu moderat ist.
Auch der militärische Flügel der Fatah-Partei will am Selbstmordanschlag beteiligt gewesen sein. Was politisch besonders brisant wäre: Präsident Mahmud Abbas, der mit Premier Ehud Olmert Friedensgespräche führt, steht an der Spitze der Fatah-Partei. Abbas bestreitet zwar, dass seine Anhänger mit dem Attentat irgendetwas zu tun hätten. Aber Mussa Arafat, der Terrorist, der in Dimona an seinem Bombengürtel zog, gehört dem militärischen Flügel der Fatah an.
Abbas, der das Attentat verurteilt hat, muss sich nun - nicht zum ersten Mal - die Frage gefallen lassen, ob er seine Organisation im Griff hat. Aufschlussreich ist, wer sich dieses Mal nicht mit dem Anschlag brüstet: die radikal-islamische Hamas. Einer ihrer Sprecher hat die Operation zwar als "gerechtfertigt" gelobt. Er wisse aber nicht, ob seine Organisation beteiligt gewesen sei. Die Zurückhaltung könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Hamas keine neuen Probleme mit Ägypten sucht. Kairo sieht die Öffnung des Gaza-Streifens zu Ägypten ungern, weil dies die Muslimbrüder im eigenen Lande stärken könnte.
Der Attentäter Mussa Arafat, der aus dem südlichen Gaza-Streifen stammt, hatte ein leichtes Spiel. Er wählte vermutlich die Route über Ägypten, um nach Israel zu gelangen. In Rafah, wo vor anderthalb Wochen die Mauer zu Ägypten fiel, konnte er bequem die Grenze passieren. Vom Sinai aus war das Ziel Israel mit Leichtigkeit erreichbar. Die Grenze ist meistens unbewacht und durchlässig. Sobald er einmal im Negev war, waren es bis Dimona es nur noch 100 Kilometer. Unsicher ist derzeit, ob er auf seinem Weg nach Dimona lokale Helfer hatte.
Drogenhändler, Prostituierte, Flüchtlinge - und Terroristen
Die Nonchalance, mit der Israel bisher die Löcher im Grenzzaun hingenommen hat, erstaunt. Am internationalen Flughafen befragen israelische Grenzer jeden Ankömmling peinlich genau, bevor er im Pass das Einreisevisum erhält, und die Westbank wird mit einem Sicherheitszaun abgeriegelt. Aber an der Grenze zu Ägypten toleriert Israel, "dass jeder hereinkommen kann, der will", sagt Innenminister Meir Schitrit.
Die rund 300 Kilometer lange Grenze durch den Wüstensand ist nicht befestigt. An etlichen Stellen existiert nicht einmal ein Zaun. Dem israelischen Geheimdienst sind mindestens 30 Stellen bekannt, an denen der Grenzübergang zwischen Israel und Ägypten ohne Kontrollen möglich ist. Viele Beobachtungsstellungen der israelischen Armee sind permanent oder zumindest oft unbemannt. Die bisherigen Regierungen haben die Kosten gescheut: Der Zaun würde umgerechnet rund 500 Millionen Euro kosten, schätzt Schitrit.
Ein Marsch durch die Wüste Sinai oder eine Eskorte mit Kamelen oder Geländewagen - diese Route nach Israel wählen seit Jahren auch Drogenhändler, Prostituierte und afrikanische Flüchtlinge, die von Ägypten nach Israel wollen. Jetzt werden sich vermutlich Terroristen dem Strom anschließen, mutmaßt man in Jerusalem, und zwar ausgestattet mit Sprengstoff.
Hardliner fordern Militäraktion in Gaza
In den vergangenen Tagen haben ägyptische Sicherheitsbeamte im Sinai 15 bewaffnete Palästinenser festgenommen, darunter zwölf Mitglieder der radikal-islamischen Hamas. Kurz zuvor waren den Ägyptern zwei Brüder ins Netz gegangen, die einen Bombengürtel trugen. In der vergangenen Woche war eine weitere Terrorzelle gefasst worden, die Explosionsmaterial bei sich hatte.
Doch vielleicht ist es schon zu spät, um eine Eskalation zu vermeiden. Denn über die offene Grenze haben die Palästinenser in den vergangenen Tagen Waffen und Munition in den Gaza-Streifen gebracht, darunter auch Panzerfäuste, Raketen und Flugabwehrraketen, warnte erst gestern Geheimdienstchef Yuval Diskin das israelische Kabinett. Und, so Diskin, Dutzende von palästinensischen Aktivisten, die in iranischen Trainingscamps ausgebildet wurden, seien in den vergangenen Tagen nach Gaza zurückgekehrt.
Israelische Hardliner fordern nach dem Attentat eine groß angelegte Militäraktion gegen den Gaza-Streifen, um den Terroristen ein für allemal das Handwerk zu legen. Doch ein Blick in die Annalen der israelischen Armee offenbart, dass dies nicht der erste Versuch wäre. Und nichts spricht dafür, dass militärische Gewalt dieses Mal das Problem lösen könnte.
Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche"
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH