Von Gabor Steingart, Washington
Stellen wir uns vor, heute wäre nicht Wahlabend, sondern Hüttenabend. Wir befänden uns auf einer Berghütte, sagen wir in Aspen, im Bundesstaat Colorado, über uns der Himmel, rund herum die Gipfel der Rocky Mountains.
Zwei große Tische warten auf die Wanderer. An einem Tisch hockt eine erfahrene Bergführerin. Wir hören, wie sie von den Narben spricht, die ihr der Kampf mit der Natur zugefügt hat. Sie sagt erdige Sätze wie diesen: Ich bin kein Schaupferd, ich bin ein Arbeitspferd. Ihr Tisch bleibt eher spärlich besetzt.
Am Tisch daneben sitzt ein junger Mann. Er hat die Zuhörer in seinen Bann geschlagen. Er spricht von Zukunft und Hoffnung und davon, wie sich die Welt aus den Angeln heben lässt. Er sieht gut aus und hat einen samtigen Ton in der Stimme. Gleich wird er wohl die Gitarre von der Wand nehmen und die Saiten schlagen.
Am kommenden Morgen treffen sich alle Wanderer vor der Hütte wieder, die Schuhe sind gebunden, die Rucksäcke aufgeschnallt. Ein harter Wandertag liegt vor ihnen. Die Frau mit den Narben und der junge Mann von gestern stehen als Bergführer zur Verfügung. Die Frage lautet nun: Wem werden sich die Wanderer anvertrauen?
Die richtige Antwort lautet: Das hängt vom Wetter ab. Genauer gesagt, es hängt davon ab, was für ein Wetter die Wanderer erwarten.
Rechnen alle mit einem weiteren Sonnentag, wird sich die lustige Abendgesellschaft mit dem Jungen an der Spitze auf den Weg machen. Warum nicht den Spaß ein bisschen verlängern?
Zieht ein Unwetter heran, hat sie die besseren Karten. Jetzt nur nichts riskieren, heißt es dann. Die Mehrheit, vor allem Frauen, Ältere und Familienväter, geht nun auf Nummer sicher. Wenn die ersten Blitze den Horizont erhellen und von ferne ein Grollen zu hören ist, schmiegen sie sich an die Bergführerin wie die Kätzchen an das Muttertier.
In den Bergen lernt man: Die Umstände verändern nicht die Menschen, wohl aber ihre Interessen. Plötzlich zählen Erfahrung, Nervenstärke, Gelassenheit. Niemand fragt, wenn es brenzlig wird, ob der andere spritzig, lustig, erotisch, anregend, wagemutig oder inspirierend ist.
Womit wir dann doch beim Wahlabend wären. Entscheidend für den Ausgang der demokratischen Vorwahl ist, welche Zukunft die Demokraten für sich und ihr Land erwarten. Gewählt wird im November schließlich nicht irgendein neuer Präsident, sondern ein Präsident, der in seine Zeit passen muss. Situation und Stimmung sind so wichtig wie der Mann oder die Frau selbst. Kündigt sich ein politisches Weltbeben an, wird ein neuer Franklin D. Roosevelt gesucht, jener legendäre Viermal-Präsident, der erst die Große Depression und dann Adolf Hitler besiegte. Rechnet man mit einer Schönwetterperiode, ist ein politischer Flaneur gefragt, wie Tony Blair und Bill Clinton ihn jeweils zu Beginn ihrer Amtszeiten verkörperten.
Beide Zukunftserwartungen sind derzeit im Angebot. Barack Obama ist der Mann der Hoffnung. Hillary Clinton die Frau der heimlichen Ängste. Er regt an. Sie beruhigt. Er ist originell. Sie ist verlässlich. Er wirkt weich. Sie stahlhart. Er gewinnt bei Sonnenschein. Sie bei Unwetter.
Die Umstände prägen den Kandidaten mehr als der Kandidat die Umstände. Deshalb sucht jeder von beiden sein Szenario nach Kräften zu befördern. Sie spricht mit bedrohlichem Unterton über den Aufstieg Chinas und die Herausforderung durch den internationalen Terrorismus. Bin Laden werde die Standfestigkeit des neuen Präsidenten testen, sagt sie. Er warnt vor einer "Politik der Angst", wissend, dass ihm Angst die Wähler vertreibt.
Die Begeisterung für Obama ist trügerisch
Ob die Demokraten sich richtig entscheiden, wird man im November auf Punkt und Komma wissen. Ihr Lieblingskandidat muss dann auch die konservative, das heißt die eher zögerliche und notorisch ängstlichere Hälfte des Landes, überzeugen. Ein richtiger Kandidat zur falschen Zeit ist nicht viel wert. Ihm gehören die Schlagzeilen, derweil die anderen mit der Macht nach Hause gehen.
Die Begeisterung der demokratischen Parteibasis für Obama ist daher trügerisch. Die schweigende Mehrheit des Landes verhält sich abwartend bis ablehnend. Wir kennen das Phänomen aus allen Epochen der jüngeren Geschichte. Die amerikanische Jugend rebellierte gegen den Vietnamkrieg. Jimi Hendrix und Joan Baez hießen die neuen Helden, aber der neue Präsident hieß Richard Nixon, der Finsterling unter den Präsidenten. Die britischen Arbeitermassen rasteten aus vor Wut, als man ihnen Löhne und Mitbestimmungsrechte kürzte, die Bürger aber drückten der Eisernen Lady den Besen in die Hand. Hunderttausende protestierten im Bonn der achtziger Jahre gegen die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen. Die Mehrheit schwieg und wählte Raketenfreund Helmut Kohl zum Kanzler - viermal hintereinander.
Kehren wir in die Stille der Rocky Mountains zurück. Derweil auf der Hütte der Demokraten noch Unklarheit herrscht, haben die Republikaner einen Gipfel weiter ihre Entscheidung offenbar getroffen. Sie bieten den ältesten, erfahrensten und zähesten Führer an, der sich auftreiben ließ. Er heißt John McCain, ist 71 Jahre alt, schrullig bis sperrig. Er hat in den sechziger Jahren gegen den Vietcong gekämpft und später gegen George W. Bush und dessen Steuerpolitik votiert. Er ist ein Folteropfer und ein Foltergegner, den Irak-Krieg hält er für gewinnbar. "No surrender" (nicht aufgeben) lautet sein Schlachtruf.
Seine Fähigkeit, auch in schwierigster Situation das Richtige zu tun, darf als erwiesen gelten. Als Kriegsgefangener in Vietnam blieb er in Haft, obwohl seine Häscher ihm freies Geleit angeboten hatten. Er wollte nicht frühzeitig vor seinen Kameraden entlassen werden. Fast sechs Jahre blieb er im Foltergefängnis.
Die Republikaner werden ihn wohl im November als Führer für das ganze Land anbieten. Wenn sich die Weltlage weiter verdüstert, wird sich seine Ausgangslage weiter verbessern. Er ist erkennbar ein Mann für schwieriges Gelände. Der Sturm scheint sein Element.
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